Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Schleswig-Holsteinsche Frage 
da wollte das Hochrufen kein Ende nehmen. In ungewöhnlich weicher 
Stimmung stand Friedrich Wilhelm am Abend des schönen Tages 
am Fenster seines Palais und sagte, auf die festlich belebten Straßen 
schauend: „Wenn die Casselaner doch müßten, wie lieb ich sie habe!" 
Er ahnte nicht, so wenig wie ein anderer der Festteilnehmer, daß der 
von ihm gelegte Grundstein für alle Zeit leer bleiben würde, daß das 
mit so viel Jubel begonnene Denkmal einst sang- und klanglos an anderm 
Orte Aufstellung finden sollte. 
Die Feier des 18. Oktobers bildete gleichsam eine Oase in der Wüste 
des alten Verfassungshaders, der wenige Wochen später nach der Er 
öffnung der neuen Ständeversammlung alsbald wieder anhub. An jenem 
Tage hatten in Cassel neben den deutschen und hessischen Fahnen viel 
fach auch die blauweißroten Farben von Schleswig-Holstein ge 
flattert, und merkwürdigerweise waren es diese Farben, unter denen jetzt 
die Stände gegen die kurfürstliche Regierung zu Felde zogen, weil diese 
in dem neu auflebenden Streit um die Elbherzogtümer sich der Politik 
Preußens und Österreichs anschloß. 
Die schleswig-holsteinsche Frage war nicht ganz so einfach, wie 
sie sich damals im Kopfe des für das meerumschlungene Land be 
geisterten deutschen Durchschnittsphilisters darstellte. In ihrer Verwick 
lung bot sie vielmehr den Staatsrechtslehrern und Politikern ein er 
giebiges Feld zur Beackerung der schwierigsten Probleme mit den wider 
sprechendsten Resultaten. Daß Hessen durch die nahe Verwandtschaft des 
Kurhauses mit dem dänischen Königshause an der endgültigen Lösung 
besonders interessiert war, wurde damals auffallend wenig beachtet. 
Der erste Punkt der Streitfrage, die dänische Erbfolge, war durch den 
Verzicht des hessischen Prinzen Friedrich Wilhelm zugunsten seiner 
Schwester Luise (S. 322) soweit vereinfacht, daß im Londoner Traktat 
von 1852 die Großmächte einstimmig den Prinzen Christian von 
Glücksburg, den Gemahl der Prinzessin Luise, als Erben der däni 
schen Krone anerkannten. Da auch der Herzog von Augustenburg 
sich zu Verzicht und Abfindung bewegen ließ, so hätte auch der zweite 
Streitpunkt, die Nachfolge in den Herzogtümern, seine Erledigung ge 
funden, wenn nicht die nationalistische Bewegung in beiden Lagern den 
Frieden gestört hätte. Jahrhundertelang hatten sich die Dänen unter 
ihrem alten deutschen Herrscherhause wohlbefunden, und seit der Mitte 
des 18. Jahrhunderts hatten überhaupt die Deutschen in Kopenhagen 
lange die erste Violine gespielt. Im 19. Jahrhundert hörte das auf ein 
mal auf, und die Wogen nationalen Selbstbewußtseins schwemmten die
	        

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