Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Gedächtnisfeier der Schlacht bei Leipzig 
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Kurfürst Friedrich Wilhelm nach Cassel zurück, nachdem er zuvor 
im Rumpenheimer Schlosse nicht weniger als 19 Glieder des fürstlichen 
Hauses Hessen hatte begrüßen können, die nach altem Brauche sich dort 
alle zwei Jahre zu dem „Götterkomplex am Main" — wie Prinzessin 
Anna scherzhaft bemerkte — zu versammeln pflegten. 
Das Fahr 1863 mit seinen Erinnerungen an die vor 50 Fahren 
geschehene Befreiung Deutschlands vom fremden Foche hätte eigentlich 
ein besonders günstiger Zeitpunkt für das große Werk der Einigung 
aller deutschen Stämme sein sollen. Fn Preußen wurde diese Erinnerung 
durch die inneren Wirren vergällt. Die offiziellen Gedächtnisfeiern hielten 
sich dort in engen Grenzen ohne stärkereit Anteil des Volkes, das er 
bittert durch die erneute Auflösung des Abgeordnetenhauses sich zu neuem 
Sturm gegen die Regierung sammelte. Fn Hessen aber gestaltete sich 
der lange nicht gefeierte 18. Oktober zu einer ungewöhnlich großartigen 
Feier, die in Deutschland nicht ihres Gleichen hatte und in ihrem glän 
zenden Verlauf Zeugnis davon ablegte, daß trotz der chronischen Land 
tagszänkereien das Band zwischen Fürst und Volk nicht zerrissen war. 
Fm ganzen Lande läuteten am Abend des 17. Oktobers die Kirchen 
glocken. Der Festtag selbst wurde durch allgemeinen Kirchgang, feierliche 
Umzüge und Freudenfeuer gefeiert. Fn der von Fahnen und Girlanden 
überreich prangenden Hauptstadt gipfelte die Feier in der Grundsteinlegung 
zu einem Denkmal auf dem Forste für die während der Fremdherrschaft 
erschossenen hessischen Patrioten, dessen Ausführung dem Caffeler Bild 
hauer Kaupert übertragen wurde. Stundenlang dauerte der imposante 
Festzug, der sich unter Glockengeläute und dem Fubelruf der Zuschauer, 
von einem Herold in den deutschen Farben geführt, durch die Straßen 
der Stadt nach dem Forst zu bewegte. Es war ein Bild, wie es die 
alte Hessenstadt noch nie gesehen hatte, und ungewöhnlich war auch die 
Herzlichkeit, mit der die Casselaner und die aus der Umgegend zu vielen 
Tausenden erschienenen Festteilnehmer den nach dem Festplatz fahrenden 
Kurfürsten mit Hochrufen und Tücherschwenken begrüßten. Unter dem 
Donner der Kanonen endete der Festgottesdienst mit dem allgemeinen 
Choralgesang „Nun danket alle Gott", worauf der Kurfiirst, begleitet 
von den alten Prinzen Friedrich und Georg und dem Landgrafen von 
Barchfeld und dessen Bruder Wilhelm, die ersten «drei Hammerschläge 
am Grundsteine des Denkmals tat. 'Begeistert stimmten Tausende in 
das von dem Vizebllrgermeister Nebelthau (Hartwig war am 1. März 
gestorben) ausgebrachte Hoch auf den Landesfürsten ein, und als die 
Menge heimwärts strömte, und der Fürst an dem Volke vorüberfuhr.
	        

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