Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Preußens Annäherung an Napoleon 
führer der Revolution von oben, mit dem der preußische Prinzregent im 
Juni 1860 in Baden-Baden zusammentraf. Bei derselben Gelegenheit 
gab aber Wilhelm den gleichfalls dort erschienenen deutschen Fürsten^) 
die feierliche Versicherung ab, daß er „es als die erste Aufgabe der 
Politik Preußens betrachte, den Territorialbestand sowohl des Gesamt 
vaterlandes als der einzelnen Bundesstaaten zu schützen, und daß er 
sich darin durch nichts beirren lassen werde". Mit dieser feierlichen Ver 
sicherung war allerdings Bismarcks Feldjägerpolitik und die danach 
dem Sendboten des hessischen Thronfolgers gemachte Eröffnung schwer 
zu vereinigen. Obwohl Bismarck aus den Kreisen der preußischen 
Konservativen hervorgegangen war, die laut und deutlich gegen den 
piemontesischen „Kronenraub und Nationalitätenschwindel" eiferten und 
von Preußen verlangten, daß es ein Hort der Legitimität bleiben und 
kein Deutsch-Piemont werden solle, so galt er doch schon lange als ein 
Anhänger der Annexionspolitik, der als ausgesprochener Gegner Öster 
reichs dessen Niederlage und Schwächung mit Freuden begrüßt hatte. 
Kurz bevor er die Leitung der preußischen Regierung übernahm, hatte 
er sich in Paris mit Napoleon verständigt und von dem Lmpereur 
die Zusicherung erhalten, daß er mit jeder Neugestaltung Deutschlands, 
nur nicht mit einem großdeutschen, Österreich umfassenden Siebzigmillionen 
reich zufrieden sei, was dem kommenden Manne die Gewißheit gab, daß 
er von dieser Seite nichts gegen seine Pläne zu befürchten habe. Wäh 
rend man nun in Preußen mit rastlosem Eifer das Schwert zum Bruder 
krieg schliff und bei der energischen Vorbereitung der umfangreichen mili 
tärischen Rüstungen selbst vor den heftigsten Kämpfen mit dem eigeneil 
Volke nicht zurückschreckte, während man im polnischen Aufstand den 
russischen Büttel spielte und sich damit das zukünftige Wohlwollen 
des russischen Zaren, zugleich aber auch noch mehr Unbeliebtheit in 
weiten Volkskreisen Deutschlands erwarb, griff Österreich die so 
lange von ihm schmählich vernachlässigte, durch seine eigenen Verhält 
nisse, zuletzt durch den Kampf mit Piemontesen und Franzoseil zurück 
gedrängte Frage der Bundesrcform auf. Mancherlei Projekte zu ihrer 
Lösung waren in der letzten Zeit aufgetaucht. Das großzügigste und 
weitblickendste war von dem eheinaligen Mitglied des Frankfurter Par 
laments Julius Fröbel entworfen und gab letzten Endes den Anstoß 
0 Der Kurfürst war nicht in Baden-Baden, hörte aber von den dortigen 
Geschehnissen durch den König von Hannover, der sich um die Zusammenkunft der 
deutschen Fürsten bemüht hatte lind auf der Rückreise voll Baden am 21. Juni al» 
Gast auf Wilhelinshöhe weilte.
	        

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