Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Affäre Dörr-Haynau 
staats", aber an einen ernstlichen Widerstand war unter den obliegenden 
Umständen nicht zu denken, zumal der Kurfürst durch den ebenfalls in 
Cassel eingetroffenen k. k. Feldmarschalleutnant v. Schmerling hörte, 
daß von Wien und Frankstirt keine Hilfe wider die preußische Bedrohung 
zu erwarten war. Mit ingrimmigem Humor schrieb Friedrich Wilhelm 
ins Minifterialprotokoll: „Die hochgeehrte Versammlung ist wieder einzu 
berufen", und am 5. Dezember traten die Stände wieder zusammen. 
Auch das Ministerium blieb im Ainte. 
Der Kurfürst aber hatte wenige Monate später wenigstens die Ge 
nugtuung, daß anläßlich des gesteigerten preußischen Verfassungskonfliktes 
Berliner Blätter an die Feldjügernote erinnerten und als einzige Bürg 
schaft gegen die Mißstände in Preußen einen Regierungswechsel „unter 
Zuziehung der Agnaten", d. h. die Abdankung des Königs zugunsten 
des Kronprinzen verlangten. 
In den Tagen der Feldjägerei erfuhr auch das hessische Offizierskorps, 
das seit der Aufhebung des Verfassungseids den Stürmen der Politik 
entrückt fein sollte, eine neue Erschütterung, die das tragische Ende des 
Generalleutnants v. Haynau zur Folge hatte. Seit 1857 stand der 
ehemalige Kriegsminister des Ministeriums Hassenpflug an der Spitze der 
Infanteriedivision. Die Entschiedenheit seiner politischen und kirchlichen 
Stellung hatte dem geistig hochstehenden Enkel Wilhelms I. zahlreiche 
Feinde auch innerhalb des Offizierskorps geschaffen, die auch an Hagnaus 
Stolz und einer gewissen Schroffheit seines Auftretens Anstoß nahmen. 
Fn ihrem Kreise wurde eine damals erscheinende anonyme Broschüre 
„Staatsdiener und Staatsschwächen der Gegenwart" mit Beifall begrüßt, 
die in ihren konfusen Phrasen auch einige Giftpfeile gegen Haynau 
schleuderte und die militärische Ehre des Divisionskommandeurs heftig 
angriff. Da der anonyme Autor — es war der 1850 verabschiedete 
Hauptmann Dörr — Haynau vorwarf, er habe sich in einem Ehren 
handel mit dem General v. Specht vor zwei Zähren hinter seine Stellung 
als Vorgesetzter verschanzt, so nahm Haynau nach einer vergeblichen 
Forderung an Dörr am 5. Januar 1863, am selben Tage, da man in 
Cassel das Berfassungsfest feierte, seinen Abschied, um sich als Privat 
mann seinem ehemaligen Untergebenen zur Verfügung stellen zu können. 
Die ablehnende Halbing, die Specht wie die Mehrzahl des von dem 
1850 er Geist noch immer angekränkelten Offizierskorps dem in seinem 
Stolze tief verletzten General zeigte, dem auch der Kurfürst im ent 
scheidenden Augenblick den Beistand versagte, brachte den unglücklichen 
Mann zur Verzweiflung unb trieb ihn in den selbst gewählten Tod. Am
	        

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