Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Bismarcks Feldjägernote 1862 
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Weigerung aus, in der sicheren Erwartung auf die zugesagte preußische 
Hilfe, die auch nicht ausbleiben sollte. Seit der Sendung Willisens und 
der Abreise des Gesandten v. Sydow waren die diplomatischen Be 
ziehungen zwischen Hessen und Preußen noch nicht wieder hergestellt, und 
so wählte denn Herr v. Bismarck für seinen Schachzug ein unge 
wöhnliches Mittel, das den späteren preußischen Oberförster Dobbelstein 
ein paar Tage lang zur Weltberühmtheit machte. Am 25. November 
erschien auf einmal dieser als damaliger preußischer Feldjägerleut 
nant bei dem Minister v. Dehn und überbrachte ihm eine Drohnote 
Bismarcks, die das Äußerste darstellte, was bisher von preußischer Seite 
aus an willkürlichen Eingriffen und widerrechtlicher Einmischung in die 
Verhältnisse eines verbündeten deutschen Nachbarstaates und seines Sou 
veräns geleistet war. In der Note, die alsbald durch die offiziöse „Berliner 
Sternzeitung" aller Welt bekannt gegeben wurde, hieß es: „Die königliche 
Regierung könne zwischen ihren Provinzen einen Herd von sich stets 
erneuernder Aufregung und Unruhe nicht fortbestehen lassen"; deshalb 
wiederhole der Minister — den man im eignen Lande selber des schnöden 
Berfassungsbruchs bezichtigte! — die „dringende Aufforderung, daß end 
lich für die Herstellung eines gesicherten und allseitig anerkannten Rechts 
zustandes in Kurheffen das Geeignete geschehen möge", widrigenfalls 
Preußen „unter Zuziehung der Agnaten des Kurfürsten dauernde Bürg 
schaften gegen die Wiederkehr ähnlicher Mißstände als die jetzigen" sich ver 
schaffen werde! Das war eine kaum verhüllte Drohung mit der Absetzung 
des Kurfürsten, und die Ausspielung der Agnaten ein besonders starker, 
auf das Mißtrauen des Kurfürsten gegen seine Verwandten berechneter 
Trumpf. Der Thronfolger, der keine Ahnung von Bismarcks Vor 
gehen hatte, sandte sofort einen Vertrauensmann nach Berlin. Die 
Antwort, die dieser zurückbrachte, war wenig beruhigend und zeigte 
deutlich, daß auch die Rechte der Agnaten für Bismarck kein Hindernis 
in seiner Politik bilden würden, die schon die Annexion der zwischen 
den preußischen Provinzen liegenden Bundesstaaten ziemlich deutlich 
durchblicken ließ. 
Zähneknirschend mußte der Kurfürst die neue Demütigung schlucken. 
Sie schien um so unerträglicher, als sie von einer Seite ausging, die feit 
Jahren den „Herd der Aufregung und Unruhe" in Hessen geschürt hatte 
und zurzeit selber im eigenen Lande an einem eben solchen Herde stand. 
In einer recht matten Antwort protestierte zwar Dehn gegen die „in 
Aussicht gestellte", in Wirklichkeit längst geschehene „Einmischung in die 
inneren Angelegenheiten eines unabhängigen und selbständigen Bundes
	        

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