Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Juden Endurteil 
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Judenemanzipation, war lange Zeit Herausgeber der offiziellen „Caffeler 
Allgemeinen Zeitung". Der Schriftsetzer Gotthelft, der 1850 das 
Wochenblatt der „Hornisse" gedruckt hatte, begründete drei Jahre später 
das „Caffeler Tageblatt", das aus kleinen Anfängen sich später mit 
geschickter Anpassung an Tagesmeinung und Zeitgeschmack allmählich 
zum zeitweise größten Zeitungsunternehmen Kurhessens entwickelte. 
Trotz seiner günstigen Lage stand das hessische Judentum, von wenigen 
Ausnahmen abgesehen, im Lager der politischen Opposition, zumal seit 
es durch die Reaktion eine Beschränkung seiner Rechte befürchten mußte. 
Der von der ersten Kammer 1857 angenommene Antrag des General 
superintendenten Martin, der den Juden das ständische Wahlrecht ent 
ziehen sollte, brachte natürlich eine große Beunruhigung in ihre Reihen. 
Allerdings war vorher nur einer ihrer lautesten Wortführer, der Casseler 
Literat Salomon Hahndorf (vgl. 245) 1849 als einziger Jude in 
die Ständekammer gewählt worden. Wenn auch seine parlamentarische 
Tätigkeit hier nur von kurzer Dauer war, so war Hahndorf nachher 
noch viele Jahre lang um so eifriger tätig als Allerweltskorrespondent 
aus Kurhessen, der zahlreiche deutsche Blätter mit Nachrichten über die 
kurhessischen Zustände versorgte und fleißig mithalf, nach Oetkerschem 
Rezept die Lage des Landes und Volkes grau in grau zu malen. 
Die kurhessischen Zustände waren alles in allem betrachtet weit 
davon entfernt, ideal zu sein, aber sie entsprachen auch keineswegs dem 
Bilde, das politische Agitation und feindselige Verbissenheit in Blättern 
wie „Morgenzeitung" und „Kladderadatsch", um nur zwei typische 
Fabriken der öffentlichen Meinung zu nennen, in Verzerrung der Wirk 
lichkeit schufen. Sie waren vielmehr so, daß nach ihrer Beseitigung und 
nach dem Anbrechen der „helleren Tage" die Erinnerung an das frühere 
Kurhessen manchen ehemaligen Widersacher im Lande zum lauäator 
temporis acti umwandelte. Nicht alle gingen so weit wie der tempe 
ramentvolle Henkel, der 1872 schreiben konnte: „Trotz der auf legalem 
Boden stattgehabten Kämpfe, trotz der Übertreibungen mancher Agitatoren 
und Zeitungsschreiber wissen wir doch recht gut, daß seit Jahrhunderten 
kein anderes deutsches Land besser regiert war als Hessen" *). Aber auch 
ein viel ruhigerer, leidenschaftloserund besonnener Mann, Otto Bähr, 
der unentwegt in den ersten Reihen der Verfassungskämpser und Re 
*) Auch eine Ansicht über bas kurhessische Hausfideikommisi. Cassel 1872, S. 16. 
In sein Handexemplar machte der Kurfürst dazu die Randbemerkung: Vue et 
approuvd.
	        

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