Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

340 
Höhere Schulen Universität 
als seine Beratting und Durchführung nicht mehr inöglich war. Einen 
wesentlichen Fortschritt bebeutete die Einrichtung von Bürgerschulen für 
Mädchen, von denen die erste 1855 in Cassel eröffnet wurde und be 
sonders für die Töchter des mittlern Bürgerstands bestimmt war. Ab 
gesehen von den 1791 durch Wilhelm IX. zuerst errichteten Mädchen 
freischulen hatte der Unterricht der weiblichen Jugend der Städte bisher 
lediglich in den Händen von Privatschulen gelegen. 
An den höhern Schulen Kurhessens, von denen das Fulder Gym 
nasium bei der Hrabanus Maurus-Feier 1855 auf ein tausendjähriges 
Bestehen zurückblicken konnte, erregte um 1858 der sog. kurhessische 
Gymnasialstreit einiges Aufsehen, in dem von verschiedenen Seiten unter 
Führung der Marburger Professoren T h i e r s ch und Waitz eine Ver 
einfachung des Unterrichts durch Beschränkung der Realien und neueren 
Sprachen gefordert wurde. Namentlich Vilmars Sohn Otto bekämpfte 
von Hanau aus temperamentvoll diese Forderungen, die auch verfrüht 
waren, so lange es noch keine Realgymnasien gab. Einen teilweisen 
Ersatz hierfür bot allerdings die Höhere Gewerbeschule zu Cassel, die seit 
ihrem Bestehen durch ihre Eigenart imb die wissenschaftliche Tüchtigkeit 
ihrer Lehrer einen besondern Ruf genoß. Nachdem ihr Direktor, der 
Naturforscher und Geograph Philippi, der sich in der Revolutions 
zeit politisch stark exponiert hatte, vor den Strafbayern nach Chile ge 
flüchtet war, übernahm der Mathematiker Hehl die Leitung der Schule, 
an der u. a. der Chemiker und Sozialpolitiker Winkelblech, der 
Architekt Ungewitter, der Mineraloge Dunker, der Physiker Kohl 
rausch und der Nationalökonom Knies lehrten. Von ihnen ging 
freilich mancher durch Berufung nach Marburg und andern Universitäten 
der Anstalt nicht zu deren Vorteil verloren. 
Im Gegensatz zu der wachsenden Schülerzahl der höhern Schulen 
war die Landesuniversität nur schwach besucht. Es zeigte sich hier 
seit den 30er Jahren dieselbe Stagnation, die allgemein in Deutsch 
land in dem starken Rückgang des Universitätsbesuchs sich ausdrückte. 
Für Hochschulen wie Marburg kam dazu, daß die Studenten mehr 
und mehr anfingen, die Universitäten größerer Städte zu besuchen, die 
reichere Lehrmittel und andere Anziehungspunkte aufwiesen. In den 
50 er Jahren betrug die Hörerzahl nur etwa 260 Studenten, zumeist 
Landeskinder. Die staatlichen Zuschüsse zu den Universitätszwecken wur 
den zwar ständig vermehrt (sie stiegen von 1832: 40835 Taler 1855 
auf 47 500, 1863 auf 52 757 und 1865 auf 57197 Taler), aber diese 
Vermehrung hielt doch nicht Schritt mit der allgemeinen Entwicklung
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.