Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Casseler Bahnhof Bautätigkeit 
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hessischen Truppen 1866 nur bis Hünfeld fahren konnten. Aber noch 
während des Krieges ging der erste Zug von Fulda nach Melsungen 
ab, unb am 1. Oktober war der Anschluß bis Hanau vollzogen. 
Uber die Anlage des wichtigen Casseler Bahnhofes wurde lauge 
gestritten. Gerland wollte ihn vor dem Holländischen Tor haben, nament 
lich um im Interesse der hannoverschen Südbahn von Göttingen nach 
Cassel, die 1856 die Postkutsche über den Sandershäuser Berg ablöste, 
Steigungen zu vermeiden. Indessen siegte Splingards Projekt, das die 
Anlage am Kratzenberg befürwortete, und nach jahrelangem Provisorium 
errichtete der Landbaumeister Eggena nach den Plänen Gottlob E n g e l- 
hardts das 1856 vollendete Bahnhofsgebäude. Es war eine der 
größten derartigen Anlagen jener Zeit und konnte über 50 Zahre fast 
völlig unverändert seinen Zweck erfüllen. 
Der Casseler Bahnhof, durch dessen imposante Säulenhallen 20 Zahre 
später der tote Kurfürst seinen letzten Einzug in Cassel hielt, war das 
bedeutendste Bauwerk der Hauptstadt aus der Regierungszeit Friedrich 
Wilhelms als Alleinherrschers. Die beiden großen Projekte der Durch 
führung der Museumsstraße nach dem Friedrichsplatz sowie die Er 
weiterung des Ständeplatzes nach der Wilhelmshöher Allee stießen auf 
Widerspruch, der z. T. in der Animosität der städtischen Verwaltung 
gegen alle kurfürstlichen Pläne seinen Grund hatte. Ein anderer älterer 
Plan, der eines großen Palais der Fürstin von Hanau auf dem Wein 
berg, lebte zwar anfangs der 60 er Zahre noch einmal auf, scheiterte aber 
hauptsächlich an der Entschlußunfähigkeit des Kurfürsten, wie auch die 
Katlenburg leider Ruine blieb. So war denn weder die öffentliche noch 
die private Bautätigkeit dieser Periode bedeutend. Aber wenn dem 
'Kurfürsten vorgeworfen wurde, daß er sich um die geringsten Baupläne 
in seiner Residenz kümmere, so hatte diese die Bautätigkeit hemmende 
Marotte doch wenigstens das eine Gute, daß das einzigartige archi 
tektonische Gesamtbild von Cassel nicht durch Geschinacklosigkeiten, wie 
sie in dieser Zeit anderswo vorkamen, wesentlich beeinträchtigt wurde. 
Das bedeutendste Architektentalent, das Kurhessen damals besaß, 
konnte freilich unter diesen Umständen zur praktischen Ausführung seiner 
Zdeen wenig Gelegenheit finden. Nur ein bescheidenes Privathaus, 
die sog. Weinkirche in der Bahnhofstraße, erinnert in Cassel noch an 
den genialen Baumeister Ungewitter, dessen Name für immer mit der 
Geschichte des Wiedererwachens der gotischen Baukunst in Deutschland 
') Dieser Plan erklärt das Verhalten des Kurfürsten in der berühmten Wachen- 
feldschen Reitbahnaffäre. Vgl. unten S. 365 Anm.
	        

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