Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Landwirtschaft Handel und Industrie 
329 
bewohnern zugezählt werden. Der 1822 mit staatlicher Unterstützung 
begründete Landwirtschaftsverein hatte nicht die gewünschten Erfolge für 
den kurhessischen Ackerbau gebracht und war 1848 aufgelöst worden. 
Seine Neuerrichtung auf breiterer Grundlage erfolgte erst 1853, wo er 
als Kommission für landwirtschaftliche Angelegenheiten wieder ins Leben 
trat. Unter der rührigen Mitwirkung ihres Leiters, des ausgezeichneten 
„Bauernfreundes" Wendel st adt aus Hersfeld, begann nun ein neues 
Leben in der hessischen Landwirtschaft, und seitdem war ein allgemeiner 
Aufschwung nicht zu verkennen, mit dem sich der darniederliegende Wohl 
stand des platten Landes wieder zusehends hob. 
Hessen war ja von alters her ein vorzugsweise ackerbautreibendes 
Land gewesen, und darin hatte auch die Neuzeit wenig geändert. Handel 
und Industrie spielten verhältnismäßig keine sehr bedeutende Rolle, 
hatten sich aber unter der Regierung Friedrich Wilhelms I. dennoch gehoben. 
Der Anschluß Hannovers und Schaumburg-Lippes an den Zollverein 
sprengte 1851—52 die letzten Zollgrenzen des Landes und beseitigte die 
Reste der alten Schmuggelwirtschaft. Von den besonderen Zweigen der 
landestümlichen Industrie hatte die hessische Leineweberei ihre Blütezeit 
längst hinter sich und ging nun mehr und mehr bergab. Früher war 
England der Hauptmarkt des hessischen Schockleinens gewesen, das 
danach bis auf den heutigen Tag die Handelsbezeichnung t4e88isn8 trägt, 
aber die Kontinentalsperre zwang die Engländer zur Entwicklung einer 
eigenen Leinenindustrie, die dann den Auslandsmarkt für sich eroberte 
und den Wettbewerb der hessischen Leineweber unmöglich machte. Die 
Zahl der Webstühle hatte seitdem ständig abgenommen, war aber immer 
noch verhältnismäßig groß (1846 : 8308, wovon 3447 zu gewerbsmäßiger 
Weberei, die 1861 nur noch 2915 Webstühle beschäftigte), da in vielen 
hessischen Bauernhäusern noch für den eigenen Bedarf gewebt wtirde, 
wofür auch die Spinnräder noch überall fleißig schnurrten. Auch die 
Tuchweberei, der zweite bedeutende alteinheimische Industriezweig, den 
vor Jahrhunderten flandrische Einwanderer im Lande eingebürgert 
hatten, litt unter der auswärtigen Konkurrenz, hatte aber doch an 
einzelnen Orten, namentlich in Hersfeld, Melsungen und Eschwege, die 
alte Bedeutung gewahrt, während die einst so blühende Frankenberger 
Tuchiveberei nur noch wenige Meister beschäftigte. In Eschwege und 
Marburg blühte die Lohgerberei und Lederindustrie, in Marburg und 
Großalmerode die Töpferei, deren Erzeugnisse in die entferntesten 
Gegenden gingen, wenn auch der Absatz der früher einzigartigen Groß 
almeröder Schmelztiegel durch die Konkurrenz der Passauer sich etivas
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.