Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Bolkszahl Auswanderung 
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überhaupt den Wert von Grund lind Boden ganz erheblich gesteigert. 
Tausende von kleinen Grundbesitzern entgingen dem drohenden Ruin 
lediglich durch die Hilfe dieser segensreichen Anstalt, die außer dem 
Hypothekenverkehr auch der sichern Kapitalanlage für öffentliche Kassen, 
Sparkassen, Stiftungen, Körperschaften und Private diente. 
Eine auffallende Erscheinung angesichts dieser befriedigenden Zustände 
war die in den 50 er Jahren beobachtete Abnahme der Bevölkening. Bis 
dahin hatte die Einwohnerzahl des Landes stetig zugenommen. 1834 war 
zuerst die Zahl 700000 überschritten, bei der Volkszählung von 1849 
wurde der Höchststand von rund 760000 Einwohnern des Kurfürstentums 
erreicht. Seitdem trat ein erheblicher Rückschlag ein, der die Einwohner 
zahl 1858 auf den niedrigsten Stand von 726 700 Seelen sinken ließ. 
Da diese Abnahme zum Teil eine Folge der starken Auswanderung 
war, die gerade während der Reaktionszeit eine ungewöhnliche Höhe 
erreichte, so ivurde sie von der liberalen Agitation weidlich ausgenutzt, 
um die Europafllicht der hessischen Bauern als eine Folge der trostlosen 
„kurhessischen Zustände" zu brandmarken. Mit kategorischer Bestimmtheit 
behauptete so die „Morgenzeitung", daß die Auswanderung genau mit der 
Vernichtung des Verfassungsrechtes zusammenhänge, „Vertuschungen und 
Ableugnungen helfen nicht, Zahlen beweisen". Wobei sie sich nicht scheute, 
die zahlreichen Scharen der aus Württemberg, Baden und Darmhessen 
durch Kurhessen nach Bremen ziehenden Auswanderer denjenigen freigebig 
zuzuzählen, die angeblich aus Schmerz über den Verlust der Verfassung 
von 1831 der Heimat Valet sagten. Tatsächlich war in diesen rmd 
anderen deutschen Länderen die Ausivanderung ebenso stark, ja teilweise 
noch stärker als in Kurhessen, stieg sie doch in ganz Deutschland von 
72000 (1851) in wenigen Fahren auf 215000 (1854)! Die Agitatoren 
vergaßen auch, daß schon im November 1847 der liberale Abgeordnete 
Schwarzenberg in der Ständekanimer die Auswanderung als das einzige 
Mittel gegen die Not der „zunehmenden Übervölkerung" warm empfohlen 
hatte. Ein ungenannter hessischer Sozialpolitiker hatte sogar direkt den 
Abschub der Armen nach Amerika von den Ständen verlangt. Das 
damals Gewünschte war dann in überreichem Maße eingetreten. 1852 
und 1853 wanderten über 6000 Hessen aus, und in dem Auswanderer 
rekordjahr 1854 stieg die Zahl sogar auf über 9000, um von da an 
wieder stark abzunehmen. Verhältnismäßig die meisten Auswanderer 
lieferten die Kreise Rotenburg, Fritzlar und Kirchhain. Die städtische 
Bevölkerung war wenig beteiligt, vielmehr gehörten die Auswanderer 
foft ausschließlich den kleinbäuerlichen Kreisen an, die sich um Politik
	        

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