Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Finanzen Steuern Landeskreditkasse 
hatteu, und zum Teil recht bedeutende, besaß Kurhessen ein großes 
Aktivvermögen. Dazu gehörte der reiche Bestand von Domänen und 
mehr als die Hälfte der Forsten des waldreichen Landes. Daiteben 
besaß der Staat zwei bedeutende Kapitalbestände, den Staatsschatz, 
der an 300000 Taler Zinsen einbrachte, und den aus den Ablösungskapi 
talien angesammelten sog. Laudemialfonds im Betrag von etwa sechs 
Millionen Talern, die in Obligationen der Landeskreditkasse angelegt 
waren. Einen gleichen Reichtum an zinstragenden Kapitalien hatte kein 
anderer deutscher Staat aufzuweisen. Die Staatsschulden, die infolge der 
Revolutionsjahre auf siebeneinhalb Millionen Taler angewachsen waren, 
betrugen (abgesehen von den Eisenbahnanleihen, deren Zinsen und Ka 
pitalabträge durch die Eisenbahnen selbst völlig gedeckt wurden) um 
1860 nur noch etwa zweieinhalb Millionen und verminderten sich zu 
sehends, so daß sie binnen wenigen Jahren völlig getilgt sein mußten. 
Der Reichtum des Staates kam der Armut des Landes zu Hilfe. An 
den ausgedehnten Staatswaldungen hatten die Bewohner umfassende 
Rechte, namentlich wurde dem Bürger und Bauer das nötige Brenn 
holz zu geringen, gesetzlich bestimmten Preisen aus dem Staatswald 
geliefert. Ferner ward ein großer Teil der Staatsausgaben aus den 
Einkünften des Staatsvermögens bestritten, und es brauchten deshalb 
nur geringe Steuern erhoben zu werden. In dem letzten kurhessischen 
Budget von 1865 waren die Staatsausgaben zu 5 248 220 Talern, die 
zu zahlenden direkten Steuern zu 899500 Talern, die indirekten Steuern 
zu 117005 Talern veranschlagt. Es betrugen daher die direkten Steuern 
nur etwa 17 Prozent, die indirekten nur etwas mehr als zwei Prozent 
der Staatsausgaben. Also noch nicht ganz ein Fünftel der Ausgaben 
mußte durch Steuern bestritten werden. So waren die Abgaben sehr 
mäßig und erreichten bei den kurhessischen Untertanen kaum die Hälfte, 
stellenweise noch nicht ein Viertel der Abgaben ihrer Nachbarn?) 
Als ein äußerst wohltätiges Institut für das ganze Land hatte 
sich die 1832 gegründete Landeskreditkasse entwickelt. Sie hatte 
vor allen Dingen die Befreiung des Grundbesitzes von den alten Lasten 
und Beschränkungen vermittelt, ihm Kapitalien zur bessern Bewirtschaf 
tung des Bodens zur Verfügung gestellt, und damit die Grundrente wie 
*) Das hinderte indessen die Gelehrten der „Gartenlaube" nicht, anfangs 1865 
ihren zahlreichen Lesern in der ganzen deutschen Welt mit dem Brustton der Über 
zeugung und tiefem Mitgefühl für die kurhessische» Schmerzenskinder zu versichern: 
„Wir kennen die Zustände in Kurhessen und wissen, wie in diesen: unglücklichen 
Lande Bürger und Bauern von der Steuerlast erdrückt werden!"
	        

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