Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Familie des Thronfolgers 
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Prinzenpaares in Hessen mit Unbehagen erfüllte, um so mehr als die 
„Morgenzeitung" diesen Plan unterstützte. Der Ankauf des Hessenstein- 
schen Hauses in Cassel (1860) durch den Prinzen beunruhigte den 
Kurfürsten dermaßen, daß er nicht vor der Drohung mit einer Schei 
dung seiner morganatischen Ehe und standesgemäßen Wiedervermählung 
zurückschreckte. 
So war das Prinzenpaar durch die Verhältnisse zu einem un 
ruhigen Nomadenleben gezwungen, das hauptsächlich zwischen Berlin, 
Weimar, Kopenhagen, Panker und Rumpenheim wechselte, dabei durch 
zahlreiche Reisen nach dem Ausland unterbrochen war und namentlich 
dem kunstliebenden und schönheitsdrirstigen Wesen der Prinzessin reiche 
Anregungen bot. Als Vertreter des Kurfürsten wohnte Prinz Friedrich 
1856 der Krönung seines Schwagers Alexanders II. in Moskau bei, 
in London der Vermählungsfeier des nachmaligen preußischen Kron 
prinzen. In Paris war er 1858 Zeuge des Orsinischen Attentats und 
konnte als erster das blutbespritzte französische Kaiserpaar im Theater 
zu seiner Rettung beglückwünschen. Er war vorurteilsfrei genug, dort 
auch den alten Prinzen Ierome, den ehemaligen Westfalenkönig 1 ), zu 
besuchen, ebenso wie zwei Jahre später in Rom den Papst Pius IX., 
ohne damals zu ahnen, daß seine Witwe einmal sich zur katholischen 
Kirche bekennen werde. Bis 1864 war das eigentliche Heim des Thron 
folgerpaares Kopenhagens und Schloß Charlottenlund, wo Prinzessin 
Anna in regem Verkehr mit Künstlern wie Rubinstein, Gade und Hart 
mann ihr großes musikalisches Talent pflegen und entwickeln konnte. 
Die Prinzessin stand dem Kurfürsten näher als ihr Gemahl, vermochte 
indessen auch nicht, durch ihre ihm oft bekundete Liebe für das Hessenland 
und durch ihre schwärmerischen Reminiszenzen an die vorübergehenden 
Besuche auf Wilhelmshöhe — „schön wie die Zaubergärten der Ar- 
mida" — den Sinn des Oheims umzustimmen, der zuletzt noch den 
*) Als Oeromc zwei Jahre später starb, legte der kurfürstliche Hnf für den 
Oheim Napoleons III. acht Tage Trauer an. 
*) In Kopenhagen wurden auch die beiden ältesten Söhne des Thronfolgers 
geboren, deren erster Friedrich Wilhelm nachmals an seinem 34. Geburtstag 
(15. Oktober 1888) in den Wellen des Indischen Ozeans sein Grab fand. Sein 
Bruder Alexander Friedrich (* * 25. Januar 1863), der Erbe des reichen musika 
lischen Talents feiner Mutter, ist jetzt der Chef des Hauses Hessen-Cassel, dessen 
Fortbestand durch die Söhne seines jüngern Bruders Friedrich Carl (* 1. Mai 
1868) und seiner Gemahlin Margarete von Preußen gesichert ist, selbst nachdem die 
beiden ältesten von ihnen 1914 und 1916 auf dem Felde der Ehre in Flandern und 
in der Dobrudscha ihr junges Leben lassen mußten. 
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