Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

314 
Willisen in Cassel 1862 
der bereits im Gange befindlichen Landtagswahlen und mußte am 
22. Mai in Hessen verkündigt werden. 
Bevor diese Sistierung erfolgte, die die Niederlage des Ministeriums 
Abee-Volmar besiegelte, geschah ein Ereignis, das die längst bestehende 
Spannung zwischen Hessen und Preußen zum offenen Bruch brachte. 
Am 11. Mai erschien der in Berlin unter einem nicht gerade schmeichel 
haften Spitznamen bekannte Generaladjutant Generalleutnant v. Willisen 
mit einem Handschreiben seines Königs auf Wilhelmshöhe, um auf den 
Kurfürsten einen möglichst scharfen Druck im Sinne der noch schwebenden 
Bundesanträge auszuüben. Derselbe König, der eben erst nach der 
Kriegserklärung der preußischen Volksvertreter gegen seine innere Polifik 
sein Abgeordnetenhaus hatte auflösen müssen und dann durch Berufung 
eines neuen Ministeriums den Kampf gegen die oppositionelle Mehrheit 
seines Volkes begonnen hatte, verlangte in diesem Briefe einen System 
wechsel in Hessen und drohte mit ernsten Maßregeln, da Preußen (dessen 
Minister des Auswärtigen doch gerade sein Interesse an der wachsenden 
Unzufriedenheit in Kurhessen bekundet hatte!) unmöglich noch länger 
einen Herd wachsender Gährung zwischen seinen Provinzen dulden könne. 
Der Kurfürst, empört über diese, von Österreich übrigens nicht ge 
billigte Einmischung, wollte den Sendboten seines Vetters erst nicht 
sehen, empfing ihn dann aber doch am nächsten Tage im Casseler 
Schlosse in Gegenwart von Abee und Goeddaeus. Er behielt das ihm 
überreichte Schreiben des Königs in der Hand und legte es auf Willisens 
Drängen, es in seinem Beisein zu öffnen, mit der Bemerkung, das sei 
nicht üblich, auf den Spiegeltisch. Als Willisen nun die preußischen 
Forderungen mündlich zu erörtern begann, unterbrach ihn der Kurfürst 
unwillig: Jeder neue Minister in Preußen wolle in Hessen neues Spiel 
machen; alles Unglück in Hessen komme von Preußen, hier wäre alles 
in Ruhe, wenn man sich von dorther nicht stets einmischte. Er fände 
es sehr sonderbar vom Könige, seine Schritte zu kritisieren, wo der 
König doch sehr bald in seinem eigenen Lande schlimmeres werde tun 
müssen (eine Voraussage, die sehr schnell eintreffen sollte). Als Willisen 
mit dem Abbruch des diplomatischen Verkehrs drohte, schloß der Kur 
fürst das Gespräch mit den Worten: „Ich kann den König daran nicht 
hindern, aber es ist doch ein sonderbares Verfahren, Gesandte abzu 
berufen, weil in inneren Fragen im Nachbarlande nicht alles geschieht, 
was man vorschreibt". 
Die Antwort auf dies entschiedene, wenn auch wenig diplomatische 
Auftreten des in seinen Hoheitsrechten tief gekränkten Hessenfürsten war
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.