Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Reise des Kurfürsten 1861 Eschweges Wcmnetage 
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Nun entschloß sich der Kurfürst zu einem für ihn ungewöhnlichen 
Schritt. Im Herbst unternahm er eine Reise durch das Land und be 
suchte hauptsächlich die Werragegend. Die Gepflogenheit Wilhelms I., 
regelmäßige Inspektionstouren durch alle Landesteile zu machen, war 
unter seinem Sohn und Enkel außer Übung gekommen; bei Wilhelm II. 
hauptsächlich aus Bequemlichkeit, bei Friedrich Wilhelm I., weil er'sich 
auch im Verkehr mit dem gemeinen Manne von der ihm eigenen un 
beholfenen Schüchternheit nicht frei machen konnte, und sich deshalb 
überhaupt nicht populär zu machen verstand. So war die Erscheinung 
des Landesfürsten außerhalb der Hauptstadt und weniger anderer 
Orte zur Seltenheit geworden, gewiß nicht zum Vorteil des gegen 
seitigen Verhältnisses zwischen Fürst und Volk. Der Kurfürst und 
seine Umgebung sahen unter den obliegenden Verhältnissen der Reise 
nicht ohne Besorgnis entgegen. Aber alle Befürchtungen, die diesmal 
nicht ganz unberechtigt waren, sollten zerstreut werden durch die außer 
ordentlich herzliche Aufnahme des Fürsten an allen Orten, wo er sich 
sehen ließ. Die Reise ging über Rotenburg und Sontra nach Esch- 
wege, wo der Empfang besonders feierlich war. Unter Glockengeläute 
erfolgte am 11. Oktober die Ankunft Friedrich Wilhelms in die mit 
Ehrenpforten, Girlanden und Fahnen reichgeschmückte Stadt, deren 
Bevölkerung ihn mit tausendstimmigem Lebehoch begriißte. Die Esch- 
weger erhielten nachher einen scharfen Tadel von Oetker, daß sie den 
Kurfürsten und nicht die Verfassung von 1831 hatten hochleben lassen, 
und der Lokalchronist, der „Eschweges Wonnetage" in einem gutgemeinten, 
aber reichlich überschwenglichen Schriftchen verewigte, wurde dafür ge 
bührenderweise an den Pranger der „Morgenzeitung" gestellt. Drei Tage 
blieb Friedrich Wilhelm in Eschwege, besuchte von dort verschiedene Orte 
und Familien der Umgegend und reiste am 14. Oktober über Allendorf, 
Mtzenhausen und Großalmerode nach der Residenz zurück, überall 
herzlich begrüßt. Der Kurfürst war tief gerührt über die vielen Zeichen 
von Liebe und Anhänglichkeit, die er auf seiner Reise erfahren und mit 
Huld und Leutseligkeit erwidert hatte, ohne sich übertriebenen Hoffnungen 
auf ihre Nachwirkung hinzugeben. 
Oetker war inzwischen auch nicht untätig gewesen. Dem „hessischen 
Volkstribun", dessen Bild und Lebenslauf damals die „Gartenlaube" in 
alle Welt brachte, wurde auf einmal der Casseler Boden unter den Füßen 
heiß. Alis der Reise nach der Schweiz, wo der zeitlebens Kränkliche 
neue Kraft zum Kampfe sainmelte und zahlreiche „Winke aus der 
Ferne" an feine Getreuen schickte, hatteer mit seinen preußischen Bundes
	        

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