Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Friedrich Oetker und die „Hessische Morgenzeitung' 
305 
lehnend. Nur einer sehr geschickten Agitation war es möglich, aus 
diesen verschiedenen Elementen eine geschlossene Phalanx zu bilden, 
die, tinbekümmert um den Frieden und die Zukunft des Landes, mit 
starker auswärtiger Hilfe zum neuen Sturm gegen die reaktionäre Re 
gierung des Kurfürsten heranrückte. Der Mann, der diese Arbeit fertig 
brachte und damit, gewiß ohne es zu wollen, das Grab schaufeln half, 
in dem schließlich nicht nur die vergötterte Verfassung von 1831, sondern 
das ganze hessische Landesrecht samt der alten Selbständigkeit des Landes 
für immer versank, war Dr. Friedrich Oetker, der ehemalige Heraus 
geber der „Neuen Hessischen Zeitung". Schon in seinem, seit 1854 frei 
willigen, belgischen Exil und auf seinen vielen Reisen war der zähe 
Schaumburger unermüdlich tätig gewesen, „das Interesse der freisinnigen 
Presse an der hessischen Angelegenheit aufzufrischen und zu stärken". 
Diese Presse, unterstützt auch von den übrigen ins Ausland gezogenen 
Konstitutionsmärtyrern, hatte denn auch redlich dafür gesorgt, das kur 
hessische Schmerzenskind immer und immer wieder in seiner ganzen 
wechselbalgähnlichen Mißgestalt abzukonterfeien, so daß es den deutschen 
Durchschnittsphilister gruselte, wenn er an „Kurhessen unter dem Vater, 
dem Sohne und dem Enkel" (so lautete der Titel einer weitverbreiteten, 
von einem der Exulanten verfaßten Schmähschrift) dachte. Früh knüpfte 
Oetker auch, direkt und durch Mittelspersonen, mit den neuen leitenden 
Männern in Preußen Verbindungen an, die sich immer enger gestalteten 
und mit der Zeit Formen annahmen, die die Grenze des Landesverrats 
nicht nur streiften, sondern, wie man sehen wird, geradezu überschritten. 
Als die Nachrichten aus Berlin günstig lauteten, kehrte er im August 
1859 nach Cassel zurück und gründete dort mit Hilfe gleichgesinnter 
Freunde die „Hessische Morgenzeitung", die unter seiner überaus 
geschickten Redaktion, weit mehr noch als früher die „Neue Hessische 
Zeitung", das Hauptorgan der Opposition wurde'). Auch seine Gegner 
mußten die enorme Energie des körperlich schwachen Mannes, sein scharf 
sinniges Talent, seinen schier unbegrenzten Reichtum an Angriffsmitteln, 
zugleich aber auch seine persönliche makellose Uneigennützigkeit bei der 
Verfolgung seines Zieles anerkennen. Mit bewunderungswürdigem Ge 
schick verstand er die gefahrdrohenden Klippen der damaligen scharfen 
Preßvorschriften zu umschiffen, und was er nicht in seinem Blatte selber 
sagen konnte, das verkündete er durch gratis verteilte, von Frankfurt 
Die erste Nummer erschien zum Schillerjubiläum und konnte gleich geschickt 
an die plumpen Polizeischikanen anknüpfen, mit denen man den in ganz Deutsch 
land gefeierten Iubeltag zu beeinträchtigen verstanden hatte. 
Lolch, Leschichte de» Kurfürstentums Hegen. 
20
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.