Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Nationalverein Erstarken der Gothaer 
Frieden gezwungen, der die altererbte Vorherrschaft der Deutschen in 
Oberitalien vernichtete und dem König-Ehrenmann und seinen republi 
kanischen Genossen die Möglichkeit gab, durch Revolution und Annexion 
das Werk des italienischen Risorgimento erfolgreich fortzusetzen. Ange 
sichts der großen Schwächung, mit der Österreich aus dem Kampfe 
hervorging, erstarkte die sog. gothaische Partei, die in dem Deutschen 
Nationalverein des Hannoveraners Bennigsen ihren Mittelpunkt 
fand, und anknüpfend an die Erfurterei von 1850 offen die Absicht 
aussprach, Österreich aus Deutschland herauszudrängen und eine der 
italienischen analoge „Einigung" des Restes von Deutschland mit preu 
ßischer Spitze ins Werk zu setzen. Die offenbaren Schäden der Bundes 
verfassung lieferten handgreifliches Agitationsmaterial, und das Verbot 
des Vereins in einzelnen Bundesstaaten (auch in Kurhessen) diente ihm 
mehr zur Reklame, als daß es ihn geschädigt hätte. Das Lamento über 
das Elend der Kleinstaaterei gehörte zum stehenden Programm des 
Nationalvereins, und nainentlich die deutschen „Schmerzenskinder" Kur 
hessen und Schleswig-Holstein (es gab noch mehr, aber dies waren die 
beliebtesten) mußten dabei in seinen Versammlungen als abschreckende 
Exempel figurieren, deren Leiden nur durch Berliner Arzte kuriert wer 
den könnten. In Preußen hatte man sehr offene Ohren für diese Stimmen 
und fand die Gelegenheit günstig, mit den angekündigten moralischen 
Eroberungen zu beginnen. Es fehlte nicht an deutlichen Winken der 
neuen preußischen Regierung über ihre Absicht, speziell die kurhessische 
Verfassungsangelegenheit als Handhabe zu benutzen, um die Stellung 
Preußens in Deutschland und am Bunde zu verbessern. Diese Winke 
genügten, um auch die durch die Reaktion zum Schweigen gebrachten 
kurhessischen Gothaer wieder aufzuwecken. Voll neuer Hoffnungen rich 
teten sie ihren Blick nach Berlin, um den dort zurzeit wehenden Wind 
in ihre Segel zu fangen und ihr auf den Sand gelaufenes Schiff wieder 
flott zu machen. 
Bei dem dem hessischen Volke eigenen Rechtsbewußffein, der „leder 
nen hessischen Prozessierhaut", wie Vilmar mit mehr Ingrimm als Stolz 
es nannte, war es begreiflich, daß bei manche,» der geschlagenen Kämpfer 
von 1850 der Wunsch, den damals verlorenen Prozeß wieder aufzu 
nehmen, nie ganz erloschen war. In weiteren Kreisen war nur der 
Wunsch rege, möglichst viel von den durch die Reaktion geschmälerten 
Volks- und ständischen Rechten zu retten. Die große Masse aber hatte 
genug von den politischen Streitereien und verhielt sich den Versuchen 
zu ihrer Neubelebung gegenüber zunächst gleichgültig, kühl oderab-
	        

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