Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Verfassung vom 30. Mai 1860 
hätte, wo die Verfassungsfrage voraussichtlich schnell beendigt worden 
wäre. Das tat sie aber leider erst zu spät und verfehlte so den rechten 
Zeitpunkt zur Erledigung der Angelegenheit, die sich, begünstigt durch 
das Schwanken der maßgebenden Anschauungen am Bundestag, nun 
noch fast drei Jahre hinschleppte. Erst durch den Bundesbeschluß vom 
24. März 1860 erhielt sie rechtlich ihren definitiven Abschluß. Auf Grund 
desselben und in der Zuversicht auf die darin zugesagte Garantie des 
Deutschen Bundes verkündete nun die kurfürstliche Regierung die end 
gültige, mit den beiden Kammern vereinbarte Verfassungsurkunde 
vom 30. Mai 1860, die im wesentlichen der von 1852 entsprach, 
aber auch die von den Ständen beantragten, den Bundesgesetzen nicht 
widerstreitenden Bestimmungen der 31er Verfassung enthielt. Das gleich 
zeitig veröffentlichte Wahlgesetz erfuhr durch Vermehrung der Abgeordneten 
für Cassel und Hanau die gewünschte Abänderung; die Zahl der länd 
lichen Urwähler wurde durch die Mitglieder der Gemeindeausschüsse 
vermehrt und die Wahlmänner durften ihre Stimmen geheim durch 
Stimmzettel abgeben. 
Mit volltönenden Worten sang die offizielle „Casseler Zeitung" des 
ehemaligen Frankfurter Attentäters Obermüller das Lob der Reaktion. 
Zn einem Huldigungsgedicht an den Kurfürsten zum 20. August hieß es: 
Nach Jahren kehret wiederum zurück 
Die heißersehnte Nuh', der sanfte Friede. 
Dein Volk, schon längst der wilden Stürme müde, 
Begrüßt mit Jubel das ersehnt« Glück. 
Etwas trockener und sachlicher klang es, wenn der Kurfürst bei der 
Eröffnung des Landtags von 1858 befriedigt erklärte, die Zustände des 
Landes seien ruhige und geordnete. Aber diese Ruhe war nur die Stille 
vor dem Sturme. Sein erstes Wehen zeigte sich, als auf einmal in 
diesem Landtage am 25. Oktober bzw. 5. November 1859 die zweite 
Kammer ihre Zustintmungserklärung zur neuen Verfassung widerrief, 
eine Handlung, die zwar keine staatsrechtliche, wohl aber eine starke 
moralische Bedeutung hatte, zumal sie in eine Zeit fiel, da die Ver 
fassung noch nicht publiziert war. Als diese nicht ohne Schuld der Re 
gierung verzögerte Publikation endlich erfolgte, stand die zum Umsturz 
der neuen Verfassung bereite Partei schon wieder in voller Waffenrüstung 
auf dem Kampfplatz.
	        

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