Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Ministerium Scheffer 1855 Landtag 1555/57 
301 
das Ministerium des Innern. Seine Kollegen wurden Geh. Legationsrat 
v. Meyer (Auswärtiges), Obergerichtsrat Rhode (Justiz und Finanzen) 
und Oberst v. Kaltenborn (Krieg). Scheffer war noch der alte Erz 
reaktionär, tute er sich später selbst gern nannte. Dem Kurfürsten in 
unbedingter Treue ergeben, war er jedoch nicht blind gegen dessen Fehler 
und Schwächen und nahm ihm gegenüber in den Ministerialsitzungen 
kein Blatt vor den Mund, so wenig wie er überhaupt irgend welche 
Menschenfurcht kannte. Aber er suchte jetzt doch mehr wie früher, in 
seinem Amte versöhnlich zu wirken, stellte das üble System der Zurück 
setzung politischer Gegner ab und bemühte sich in seinem unverminderten 
lebhaften Schaffensdrang, die vielfach gedrückten und verbesserungs 
bedürftigen Zustände des Landes zu heben, ohne freilich an der Signatur 
der Reaktion etwas zu ändern, die sich in kleinlichen Nadelstichen, wie 
dem Verbot der Turnertrommeln l ) u. dgl. äußerte. 
Hassenpflug hatte seinem Nachfolger mit der noch immer sich hin 
schleppenden Berfassungsangelegenheit kein glückliches Erbe 
hinterlassen. Noch immer fehlte die für die nachgesuchte Bundesgarantie 
unentbehrliche Erklärung der Stände. Wieder war es besonders die 
erste Kammer, die auf dem Landtag von 1855/57 diesmal durch den 
Mund ihres Hauptredners, des Hanauer Barons Edelsheim (des 
späteren badischen Ministers), scharfe Kritik an der Verfassung von 1852 
übte und mit zahlreichen Abänderungswünschen zur Erweiterung der 
ständischen Rechte hervortrat. Auch die 800000 Taler betragenden, erst 
z. T. gedeckten Kosten der Bundesexekution führten zu lebhaften Debatten. 
Das legislatorische Ergebnis des Landtags war gering. Hartnäckig 
sträubten sich die Stände gegen eine gesetzliche Bestätigung des unglück 
lichen Kompetenzgerichtshofes. Nur das Münzgesetz von 1857 kam zu 
stande, das den Anschluß an die allgemeine deutsche Münzkonvention 
mit Einführung der Vereinstaler = 1 fl. 50 österreichischer Währung oder 
1 fl. 75 süddeutscher Währung sicherte. Dagegen scheiterte das längst 
geplante Gesetz über Verkoppelung der Grundstücke. In der Derfassungs- 
frage einigten sich schließlich beide Kammern im Juni 1857 zu den ge 
forderten übereinstimmenden Erklärungen und gaben damit endlich ihre 
Zustimmung zu der Verfassung von 1852, allerdings mit Hinzufügung 
verschiedener Wünsche. Das war ein entschiedener Erfolg, und die Re 
gierung hätte klug getan, wenn sie die berechtigten Wünsche gleich an 
erkannt, und die Erklärung kurzerhand vor den Bundestag gebracht 
*) 3n Hochstadt kam es deswegen 1861 zu Krawallen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.