Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Bilmars Wahl nicht bestätigt 1855 Hassenpflugs Ende 
124) der niederhessischen Pfarrer ihn zu seinem Nachfolger wählten. 
Da verweigerte der Kurfürst die von Hassenpflug verlangte und kirchen 
ordnungsmäßig erforderliche Bestätigung. Die starke Agitation der Gegner 
Vilmars war nicht fruchtlos gewesen. Auf die sog. öffentliche Meinung 
und ihren Haß gegen das in Bilmar verkörperte „zelotische Muckertuin" 
gab der Kurfürst zwar gar nichts, aber die von Marburger theologischen 
Kreisen, namentlich von Vilmars ehemaligem Anhänger Heppe aus 
gehende Behauptung, Bilmar verstlche unter lutherischen Formen einen 
katholisierenden Hierarchismus in der hessischen Kirche aufzurichten, blieb 
nicht ohne Eindruck auf den Fürsten. Er wußte, daß sein Großvater 
in keine katholische, aber auch in keine lutherische Kirche gegangen war,, 
wollte also auch von dem ihm neuen und fremden Luthertum nichts 
wissen, vor allen Dingen aber nichts von seinen durch Vilmar bedrohten 
summepiskopalen Rechten aufgeben. Als Hassenpflug ihm das Recht 
bestritt, die Wahl umzustoßen, und mit einer Kabinettskrisis drohte, 
zog der Kurfürst die Entscheidung noch einige Monate hin, verweigerte 
aber endlich, gestützt auf ein kirchenrechtliches Gutachten des Berliner 
(früher Marburger) Professors Richter, feine Zustimmung und ernannte 
statt dessen Vilmar zum Professor der Theologie in Marburg. Trotz 
Vilmars Bitte, das Schicksal des Ministeriums nicht an das seine zu 
knüpfen, forderte nun Hassenpflug mit seinen Kollegen ihre Ent 
lassung, die der Kurfürst, gereizt durch das entschiedene Auftreten Hassen 
pflugs, am 16. Oktober 1855 annahm. 
Das war das Ende der politischen Laufbahn dieses ungewöhnlichen 
Mannes, der in der hessischen Geschichte eine so bedeutende, gewiß nicht 
immer glückliche Rolle gespielt hat. Der Haß seiner vielen erbitterten 
Feinde begleitete ihn auch nach seinem neuen Wohnsitz Marburg und 
über das Grab hinaus, um das historische Charakterbild des „einzigen 
Ministers, der der Revolution auch nicht eine Konzession gemacht hat",, 
dauernd zu verzerren. Er starb am 10. Oktober 1862 im Alter von 
68 Jahren an einem Schlaganfall. Vilinar hielt ihm die Grabrede. 
Die verschiedenen Gegner Hassenpflugs, die mit mehr oder minder 
Recht sich einbildeten, zu seinem Sturze beigetragen zu haben, sollten 
mit ihrer Hoffnung auf eine Änderung der Regierungspolitik stark ent 
täuscht werden. Wie im Jahre 1837 bedeutete auch diesmal der Re 
gierungswechsel keinen Systemwechsel. Der Kurfürst dachte gar nicht 
daran, ein liberales Ministerium zu ernennen; er hatte für alle Zeiten 
an einem Märzministerium genug gehabt. Auf sein dringendes Bitten 
übernahm nach längerem Zögerir im Februar 1856 Staatsrat Scheffer
	        

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