Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

298 
Kirche und Staat seit 1848 Iesberger Konferenz 1849 
den die revolutionäre Bewegung allen bestehenden Verhältnissen versetzte, 
richtete sich auch gegen den damaligen Kirchenbestand und äußerte sich 
hier in der Auflösung des alten Zusammenhanges der christlichen Obrig 
keiten mit den Kirchen ihrer Länder. Zn Hessen brachten die Märztage 
die absolute Religionsfreiheit, die durch das Religionsgesetz vom 29. Ok 
tober 1848 und die Einführung der bürgerlichen Ehe ihre formelle Be 
stätigung erhielt. Die damit ausgesprochene Lösung des Staates von der 
christlichen Kirche mußte notgedrungen zu einem engeren Zusammenschluß 
der Kreise führen, die das Schiff der alten Kirche in diesen Stürmen 
vor dem weltlichen Untergange schützen wollten. Neben den rein politi 
schen Volksversammlungen traten an vielen Orten in Hessen Pastoral- 
und sonstige kirchliche Konferenzen zusammen, um Stellung zu den Er 
eignissen zu nehmen. Der wieder auftauchende, von einer staatlichen 
Kirchenkommission vorbereitete Plan einer Generalsynode zur Einfiihrung 
einer „zeitgemäßen" Kirchenverfassung stieß auf den Widerstand der in 
der Erweckungszeit erstarkten altgläubigen Richtung, die jetzt die völlige 
Befreiung der Kirche vom Staate forderte und in dem damaligen Mar- 
burger Gymnasialdirektor Vilmar ihren geistesgewaltigen Wortführer 
fand. Vilmar war zu der Überzeugung gelangt, daß durch die in Hessen 
verkündeten Grundrechte und durch das revolutionäre Religionsgesetz der 
bekenntnislos gewordene Staat sich die bisher durch die Konsistorien 
vermittelte Leitung der evangelischen Kirche verscherzt habe, daß also 
auch der Landesherr seine Funktionen als §umrnu8 episcopus nicht 
mehr ausüben dürfe. Das einzige, was in dieser argen Zeit der Not und 
Zerstreuung noch übrig bleibe, sei das geistliche Amt, das nun vermittelst 
der durch die alten zu Recht bestehenden Kirchenordnungen eingesetzten 
Oberhirten, die Superintendenten, das Regiment der Kirche in die Ha d 
nehmen müsse. Dieses von einem großen Teil der hessischen Pfarrerwelt 
mit Wärme aufgenommene „Zeugnis vom geistlichen Amte" verkündete 
Dilmar am 14. Februar 1849 auf der von zahlreichen Geistlichen und 
Laien besuchten Konferenz zu Zesberg, die eine epochemachende 
Bedeutung für die neuere hessische Kirchengeschichte haben sollte. Die 
dort in Vilmars Sinne gefaßten Beschlüsse gipfelten in dem Begehren, 
daß die landesherrliche Kirchengewalt an die Superintendenten und In 
spektoren als die berufenen Vertreter der hessischen Geistlichkeit übertragen 
werden möchte. Sie wurden als formeller Antrag dem Ministerium 
des Innern unterbreitet, und hatten wenigstens zur Folge, daß die völlig 
anders gearteten Vorschläge der 1848 er Kirchenkommission stillschweigend 
ad acta gelegt wurden. Die Iesberger Beschlüsse kamen freilich auch
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.