Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Friedrich Wilhelm IV. in Cassel 1853 Krimkrieg 
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aus den letzten bedauerlichen Erschütterungen neu belebt hervorgehen, 
und die Partei der Revolution in dem sonst so treu anhänglichen Lande 
ihr Spiel bleibend verloren haben." Zm Oktober 1852 besuchte Friedrich 
Wilhelm die süddeutschen Höfe München und Stuttgart, im nächsten 
Zuli war er in Dresden. Auch das freundschaftliche Verhältnis zuin 
preußischen Hofe war nach der Trübung von 1850 durch einen Besuch 
in Berlin im April 1853 wiederhergestellt, und im selben Sommer hatte 
der Kurfürst die Genugtuung, seine Vettern Friedrich Wilhelm IV. 
und den Prinzen von Preußen nach längerer Zeit wieder mal als 
Gäste an seinem Hoflager zu sehen l ). Ganz Cassel strömte am 20. Juli 
nach Wilhelmshöhe, um die bei diesem Besuche veranstalteten Festlich 
keiten, namentlich die Wasser in noch nie dagewesener Pracht und Fülle 
springen, und die Anlagen uni die Löwenburg in dunkeler Nacht durch 
bengalisches Feuer beleuchtet zu sehen. Der König zeigte zur sichtbaren 
Freude des Kurfürsten seine gewohnte Liebenswürdigkeit und muntere 
Laune, der Prinz verhielt sich reservierter. Bei der Festtafel dankte 
Friedrich Wilhelm IV. seinem Gastgeber mit einem Trinkspruch auf 
eine noch lange und gesegnete Regierung des Kurfürsten, die er ihm von 
ganzem Herzen wünsche. Auf der Löwenburg wurde in Gegenwart der 
Herzogin von Meiningen und der Prinzeß Caroline der Tee eingenommen, 
und hier fiel das viel besprochene Wort des von der sommerlichen Herrlich 
keit des Habichtswaldparadieses berauschten Königs: „Wenn einmal die 
Türkei geteilt wird, Fritz, dann sollst Du ein großes Stück davon haben, 
und ich nehme mir dieses hier", was der Kurfürst, der solche Scherze 
nicht liebte, mit einem höflichen Lächeln abwehrte. Er ahnte damals 
freilich nicht, daß aus dem Scherz wenigstens teilweise noch einmal 
bitterer Ernst werden würde. 
Die Frage der Erbschaft des „kranken Mannes" am Goldenen 
Horn lag damals in der Luft und verdunkelte den politischen Horizont 
Europas. Der durch Rußlands Vorgehen entbrennende Krimkrieg schien 
auch Deutschland in Mitleidenschaft ziehen zu wollen. Zm Herbst 1854 
wurde für alle Fälle das kurhessische Armeekorps in Kriegszustand ge 
setzt zu einer Zeit, wo noch immer der formelle Kriegszustand im Lande 
herrschte, dessen milde Handhabung durch die sich ablösenden militärischen 
Oberbefehlshaber Schirmer, v. Kaltenborn und v. Bardeleben allerdings 
kaum noch fühlbar gewesen war. Nun wurde er endlich am 19. De 
zember 1854 nach über vierjähriger Dauer aufgehoben, nachdem durch * 2 
') Auch Bismarck war damals in Cassel. Die Gemahlin des Kurfürsten, seit 
2. Juni d. F. .„Fürstin von Hanau", reiste vorher nach Franzensbad.
	        

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