Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Reinigung der Kammer Berfassungsaursckiuß 
Landgraf Wilhelm, der nächste thronfolgeberechtigte Agnat des Kurhauses, 
zur Seite des Kurfürsten an dem feierlichen Akte der Landtagseröffnung teil. 
Die Wahlen zur zweiten Kammer waren, wie der Kurfürst in der 
Thronrede selbst betonte, zur Zufriedenheit der Regierung ausgefallen. 
Die alten Größen der Opposition waren sämtlich verschwunden, es waren 
fast durchweg neue Männer gewählt worden. Den Vorsitz übernahm 
Staatsrat Schöffer, der ehemalige temperamentvolle Minister, der als 
Landtagskommissar einst so manchen Strauß mit den Ständen ausge- 
fochten hatte und jetzt in seinem neuen Amt seine Mitstände vor „eitler, 
eigensüchtiger und ruheloser Opposition" warnte. Es waren nicht allzuviel 
Arbeitskräfte in der zweiten Kammer, unter denen der konservative 
Abgeordnete für Melsungen Baumann, der Marburger Professor Ilse 
und die Abgeordneten Weinzierl, Presset und Fink sich hervortaten. 
Aber gerade diese redegewandten städtischen Abgeordneten waren Hassen 
pflug ein Dorn im Auge, und er wußte sie in gewohnter Rücksichts 
losigkeit zu beseitigen. Der Fulder Katholik Dr. Weinzierl hatte im 
März 1848 dermaßen im Rufe eines Reaktionärs gestanden, daß damals 
ein Namensvetter von ihm sich öffentlich dagegen verwahrte, mit ihm 
bluts- oder geistesverwandt zu sein. Jetzt diente eine politische Unter 
suchung, in die er verwickelt war, dazu, ihn an der Ausübung seines 
Mandats zu hindern, und ebenso ging es dem Hanauer Dr. Presse!, der 
freilich als Mitunterzeichner der 1848 er Sturmdeputation schon etwas mehr 
auf dem Kerbholze hatte. Auch Ilse galt seinem ehemaligen Gönner, 
nicht ganz ohne Grund, als nicht mehr sicher genug und wurde durch 
Urlaubsverweigerung aus der Kammer entfernt. Durch dieses unbe 
greifliche Verfahren schuf sich Hassenpflug in seinem früheren Günstling 
einen erbitterten persönlichen Feind, der sich nun nicht scheute, mit Oetker 
in Verbindung zu treten und mit seiner Hilfe den Minister in der 
auswärtigen Presse heimlich anzugreifen. Trotz dieser Reinigung der 
Kammer von unsichern Elementen wurde eine glatte Zustimmung zu der 
neuen Verfassung, wie sie Hassenpflug gewünscht hatte, nicht erreicht. 
Der Verfassungsausschuß erkannte zwar an, daß „die Bundesversammlung 
berechtigt war, die Verfassung von 1831 aufzuheben", und äußerte sogar 
seine Befriedigung darüber, weil die Verfassung „in vielen ihrer Haupt 
bestimmungen mit dem in Deutschland allein möglichen monarchischen 
Prinzip in Widerspruch stehend zu den traurigen Konflikten des Jahres 
1850 geführt habe", meinte aber in seiner ziemlich gewundenen (von 
Ilse redigierten) Erklärung, daß die mit den Bundesgrundgesetzen nicht 
unvereinbaren Bestimmungen der alten Verfassung als ständische Rechte
	        

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