Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Kellners Verhaftung und Flucht 
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von den Nürnbergern, die keinen zu hängen pflegten, sie hätten ihn 
beim zuvor, berufen und sich kurz vor dein Einrücken der Bundestruppen 
„mobilisiert". Heise floh nach England und starb zehn Jahre später 
als Kaufmann zu Liverpool. Sein Kollege Dr. Kellner aber hatte das 
Unglück, in seinem Versteck zu Worinebt aufgespürt und nach Cassel 
ausgeliefert 511 werden. Monatelag saß er iin dortigen Kastell, bis ini 
Februar 1852 das Urteil über ihn gesprochen werden sollte. Man 
rechnete nlit einer Verurteilung zu 25 bis 30 Jahren Spangcnberg. Aber 
ehe dieser drakonische Spruch gefüllt werden konnte, entwich Kellner in 
der Nacht vom 13. zum 14. Februar mit Hilfe des Gardisten Zinn 
aus dem Kastell zum großen Zubel seiner alten Anhänger. Die Casselaner 
Zungen besangen das aufsehenerregende Ereignis in einem Gassenhauer: 
Der Kellner und der Zinn, 
Wo sind sie denn mir hin? 
und der beliebte Komiker Birnbaum wagte sogar auf den Brettern des 
kurfürstlichen Hoftheaters seine vielbelachten Anspielungen darauf zu 
machen. Kellner entkam glücklich nach Amerika, gründete dort ein 
demokratisches Blatt und starb hochbetagt 1898 zu Philadelphia. Auch 
sein Gesinnungsgenosse und Kollege als Mitglied des ständischen Aus 
schusses Professor Bayrhoffer war über die Schiveiz nach Amerika 
entflohen, wo aus dem ehemaligen „Revolutionspedanten" ein fried 
licher Farmer wurde (f 1888). Er blieb seinen politischen Über 
zeugungen treu, und wie er seinerzeit als Präsident der Ständever 
sammlung gegen die konstitutionelle Steuerverweigerung gestimmt hatte, 
so wies er auch später das Ansinnen Oetkers, sich an dem neu 
erwachenden Verfassungskampf zu beteiligen, entschieden zurück. Mit 
ehrlicher Gradheit hatte die „Hornisse" noch in ihrer letzten Nummer 
bekannt, „daß die konstitutionelle Staatsdienerrevolution, welche nun 
mehr ein so schimpfliches Ende genommen hat, die Interessen der De 
mokratie gar nicht berührte". Zn der Tat hatten die kurhessischen De 
mokraten trotz ihres vorübergehenden Bündnisses mit den Liberalen im 
Kampfe gegen Hassenpflug im Grunde genommen mit jenen nichts ge 
mein. Das zeigte später auch Adam Trabcrt, der als Herausgeber 
der demokratischen Zeitung „Wacht auf" mit seinem Freunde und Re 
daktionskollegen Hornfeck damals jahrelang auf Spangenberg sitzen 
mußte. Die harte und unversöhnliche Behandlung gerade der Demokraten, 
die bei aller Gegnerschaft gegen Hassenpflug noch am ersten Verständnis 
wenigstens für seine auswärtige Politik zeigten, war ein großer Fehler 
der Regierung, den Kurfürst Friedrich Wilhelm später, aber viel
	        

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