Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Preußen und die Bundesexekution Der 1. November 1850 
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Präsidium stand und gewillt war, eine preußische Herausforderung an 
zunehmen. Da Preußen seinen Unionsplan schon so gut wie begraben 
hatte, war nicht klar, was es mit seiner Opposition eigentlich noch 
wollte. Dasselbe fragten sich die preußischen Offiziere, wie der spätere 
preußische Kriegsminister Verdi) du Vernois, der als junger Leutnant 
den Zug nach Bronzell mitmachte, damals nach Hause schrieb: „Es 
ist doch nicht zuviel verlangt, wenn man sich schlagen soll, zu erfahren, 
warum das eigentlich geschieht? Wo soll da die Begeisterung für die 
Sache herkommen?"') Dem Grafen Brandenburg erklärte Kaiser 
Nikolaus I., von jeher der Kompaß preußischer Politik, zu Warschau, 
daß er die Parteinahme der preußischen Regierung für die hessischen 
Rebellen und gegen die, von ihin lebhaft anerkannte, korrekte Haltung 
des Kurfürsten niißbillige. Auch Friedrich Wilhelm IV. verurteilte in 
einen, Briese an den Kurfürsten das gefährliche Beispiel der hessischen 
Beamten und Offiziere auf das schärfste, trotzdem erklärte sein Kabinetts 
rat Rieb »ihr, der im geheimen Auftrag des Königs nach Wilhelmsbad 
kam: wenn die Bundesexekution stattfinde, „wird uns nichts anderes 
übrig bleiben, als uns der Demokratie in die Arme zu werfen". Und so 
geschah es denn auch zeitweise, und zugleich wurde wahr, was Otto 
v. Bismarck damals an seine Frau schrieb: „Mit Kurhessen werden 
rvir uns furchtbar blamieren." 
Am Großen Bettag 1848 hatte Vilmar einen zweiten 1. November 
für Hessen prophezeit: „Der erste ging nur auf die Haut, aber der zweite, 
darauf können wir uns verlassen, wird in das Fleisch gehen, bis auf 
die Knochen." An diese Prophezeiung konnte er erinnern, als der kritische 
Augenblick kam, da wiederum von zwei Seiten fremde Heerscharen 
ins Hessenland einrückten. Am Großen Bettag, 1. November 1850, 
überschritten von Aschasfcnburg aus die Bundestruppen (acht Infanterie 
regimente!:, sechs Schwadronen, drei Batterien Bagern und ein Bataillon 
österreichischer Jäger) unter dem Befehl des Fürsten von Thurn und 
Taxis die kurhessische Grenze der Provinz Hanau, und am nächsten 
Tage rückten die Preußen in zwei Heersäulen unter den Generälen 
v. Tietzen und v. Groeben von Westfalen und von Thüringen gleich 
falls in den Kurstaat ein und besetzten Cassel und Fulda. „Unfreund- 
') Die Fortsetzung des Briefes: „3m Grunde genommen ist dies zwar nicht 
nötig, denn wir werden auch ohne Kenntnis des Zusammenhangs unsere Pflicht 
tun: denn die zu erfüllen, bleibt stets unsere höchste und schönste Aufgabe" zeigt 
den preußischen Offizier, der sich weniger Skrupel über seine Soldatenpflicht machte 
.als seine hessischen.Standesgenossen.
	        

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