Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Haynau und die Offiziere 
am Hochverrat anzunehmen. Das alles mußte sich Haynau ruhig 
gefallen lassen, und demgegenüber konnten die militärischen Schaustücke, 
Paraden, Proklamationen, Orders usw., mit denen er verschwenderisch 
umging, ihren Zweck, zu imponieren, nicht erreichen, verfielen vielmehr zum 
großen Teil dem Schicksal des früheren Bauerschen Kriegszustandes — 
der Lächerlichkeit. Die „Hornisse" höhnte mit boshaftem Spott über den 
„Feldmarschall von Kahenfingen, der mit der Nachtmütze auf dem Kopf, 
dem Schwert der Obrigkeit unter dem rechten, mit der Bibel unter dem 
linken Arm und mit dein ellenlangen Zopf im Nacken mit ungeheurer 
Entschiedenheit durch die Straßen humpelte und der kleinen verwunderten 
Residenzstadt drohte, daß kein Stein auf dem anderen bleiben solle". 
Noch mehr versagte Haynau in seinem Auftreten gegenüber dem Offi 
zierskorps. Bei einer großen Parade auf dem Friedrichsplatz am 
4. Oktober hielt er ihm eine längere Ansprache, die in der pathetischen 
Alternative gipfelte: „Wer nicht gehorchen will, der ziehe den Soldaten 
rock aus und ziehe die blaue Bluse an". Die hessischen Offiziere waren 
infolge ihres Eides auf die Verfassung in einer wirklich schwierigen Lage 
und hatten schwere Gewissenskümpfe zu bestehen. Sie sahen ihre Väter, 
Söhne, Brüder, Verwandten und Freunde im andern Lager stehen und 
mit Nachdruck und ehrlicher Überzeugung die Auffassung der Opposition 
vertreten. Staatsrechtlich ungeschult, vermochten sie sich in dem ungeheuern 
Wirrwarr nicht zurechtzufinden. Daß schließlich selbst der höchste mili 
tärische Gerichtshof, das Generalauditoriat, die Septemberverordnungen 
für rechtsunverbindlich erklärte, mußte einen starken Eindruck machen, 
während andererseits die ellenlangen Belehrungen Haynaus nicht im 
stande waren, die verzwickten Verfassungsfragen für die Offiziere zu lösen. 
Es war begreiflich, daß unter diesen Umständen mancher auf den Ge 
danken kam, durch ein Abschiedsgesuch aus dem quälenden Dilemma 
herauszukommen, zumal Haynaus Reden diesen Gedanken zu befür 
worten schienen. Eine nach Wilhelmsbad gesandte Offiziersdeputation 
stellte dem Kurfürsten die Lage der Dinge vor und hatte zur Folge, 
daß der Kurfürst dem Oberbefehlshaber Vollmacht erteilte, etwaige Ab 
schiedsgesuche zu bewilligen. Die Art und Weise, wie Haynau diese 
Vollmacht bekannt gab, war die denkbar ungeschickteste und mußte die 
Offiziere, statt sie aufzurichten, nur erbittern. Und so geschah das Unbe 
greifliche, in der Militärgeschichte Hessens wie Deutschlands noch nie 
Dagewesene, daß gerade in der bis dahin kritischsten Periode seiner Re 
gierung, in einem Zeitpunkt, wo der Kurfürst auf die Treue und den 
Gehorsam seiner Offiziere ganz besonders, ja fast ausschließlich angewiesen
	        

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