Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Verschärfter Kriegszustand unter Hagnau 275 
öffentlichen Plätzen von Cassel bekannt gemacht wurde. An Stelle des 
„erkrankten" Generalleutnants Bauer übernahm der alte, aus dem Ruhe 
stand zurückberufene Generalleutnant Carl v. Hagnau den Oberbefehl. 
Dieser 71 jährige Greis war der älteste Sohn Wilhelms I. aus seiner 
Verbindung mit der Frau v. Lindenthal, und wenn sein Vater in seinem 
Testament die Erwartung ausgesprochen hatte, daß seine natürlichen 
Söhne mit doppeltem Eifer dem Hause Hessen dienen würden, so durste 
Hagnau wohl dieses Lob für sich in Anspruch nehmen. Dennoch war seine 
Ernennung ein neuer Fehlgriff. Der alte Hagnau war kein Diplomat, 
noch weniger aber ein rücksichtsloser energischer Draufgänger wie fein 
österreichischer Bruder Julius, die sog. „Hyäne von Brescia", der genau 
vor Jahresfrist am 21. September 1849 vom Kurfürsten das Großkreuz 
des Goldenen Löwenordens deswegen erhalten hatte, weil er „mit starker 
Hand den Bürgerkrieg siegreich beendet und dadurch dem Gesetz und der 
Ordnung wieder nachhaltig Geltung verschafft" hatte *). Des neuen Ober 
befehlshabers Tagesbefehl vom 1. Oktober mit der Versicherung, daß 
er das Schwert der Obrigkeit mit Entschiedenheit zu führen wissen werde, 
klang zwar vielversprechend, und ähnlich klangen die Reden, die er an 
Offiziere und Mannschaften hielt. Aber den großen Reden folgten nicht 
die entsprechenden großen Taten. Weder gelang ihm die Unterdrückung 
der oppositionellen Zeitungen, noch die Auflösung und Entwaffnung der 
renitenten Bürgergarde. Nur Oetker, der Organisator der konstitutionellen 
Opposition, konnte verhaftet werden, als aber „der Henkel", der nach 
dem Vorbild der „Hornisse" den Oberbefehlshaber und den Kurfürsten 
mit dreisten Offenen Briefen bombardierte und den Kurfürsten darin auf 
forderte, das „Schlangen- und Otterngezücht" seiner Minister zu verjagen, 
durch ein Detachement der Kurfürst-Husaren festgenommen werden sollte, 
da schlug Schwarzenberg dem sie befehligenden Leutnant v. Verschuer 
die Tür des Ständehauses vor der Nase zu, und — das Militär mußte 
unter dem Hohngelächter der Passanten uiwerrichteter Sache wieder ab 
ziehen. Die Einrichtung der Kriegsgerichte stieß ans den Widerstand der 
dazu nötigen Auditeure, und der Stadtkommandant General Ger land, 
ein überzeugter Konstitutioneller, verweigerte dem Oberbefehlshaber direkt 
den Gehorsam. Fa, das Generalauditoriat leitete ein Strafverfahren gegen 
Hagnau wegen Verhaftung Oetkers ein und nahm keinen Anstand, eine 
Anklage des landständischen Ausschusses gegen den Oberbefehlshaber 
wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt, Verfassungsverletzung und Teilnahme 
g Am 12. Oktober dankte er für diese Auszeichnung dem Fürsten, „welcher 
selbst eine feste Stütze jener Prinzipien ist, für die wir siegreich gekämpft haben". 
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