Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Niedergang und Sturz des Märzministeriums 1850 
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Die obersten Staatsdiener protestierten durch ihre beharrliche Weigerung 
gegen jeden Wechsel, und nach zehntätiger ministerloser Zeit sah sich der 
Kurfürst gezwungen, auf das Drängen des landständischen Ausschusses 
einzugehen und die entlassenen Minister unter seinen Stolz tief demütigen 
den Bedingungen am 18. August wieder zu berufen H. Nur Schenk, 
der Proklamator der Majestät des Volkswillens (S. 239), konnte dem 
Fürsten nicht wieder aufgezwungen werden; statt seiner übernahm Philipp 
v. Wintzingerode das Außere. 
Die Partei der „Neuhessen" hatte gesiegt und dem Kurfürsten, der 
diese Demütigung nicht vergaß, ihren Willen aufgezwungen. Aber von 
da an ging es mit der Märzregierung doch langsam bergab. Wenn das 
Ministerium Eberhard-Wippermann mit dem Anspruch auftrat, 
volkstümlich zu sein, so brachten die Männer der „Hornisse" und ihre 
Anhänger in der Kammer ihm immer mehr zum Bewußtsein, daß dieser 
Anspruch von einer zusehends wachsenden Partei nicht mehr anerkannt 
wurde. Kaum war der im Sommer vertagte Landtag im Herbst wieder 
eröffnet, so fing auch der Streit um die Union wieder an. Der ein 
stimmige Protest der Kammer gegen die Rastatter Bluturteile konnte 
das Bündnis mit Preußen nicht populärer machen. Nachdem Sachsen 
und Hannover zurückgetreten waren, war auch die ganze Union nur 
noch eine Karrikatur der deutschen Einheit. Die hessischen Gothaer aber 
hielten daran fest und rüsteten sich zu den Erfurter Reichstagswahlen, 
um, wie die Demokraten höhnten, mit den Lappen der in Fetzen zer 
rissenen hessischen Verfassung an der schwarzweißen Fahne in Erfurt 
einziehen zu können. Zu den Angriffen auf die gothaische Politik kam 
die wachsende Finanznot des Landes, die unter der Märzregierung ent 
standen war und zum ersten Male zur Ausgabe von Papiergeld nötigte. 
Die „Wippermännerchen" machten den Namen des Finanzministers in 
Hessen unsterblich und gaben der „Hornisse" neuen Anlaß zu Spöttereien. 
Angesichts der heftigen demokratischen Opposition wurde die Lage des 
Ministeriums immer kritischer! die „Neuhessische Zeitung" tröstete aber 
sich und ihre Leser mit der Hoffnung, daß Preußen einen Sturz der 
seinen Plänen so ergebenen Regierung nicht zugeben werde. Am 19. Fe 
bruar stellten die Demokraten den Antrag, die Kammer aufzulösen und 
Neuwahlen vorzunehmen. Sie wollten offenbar damit dem wankenden 
Ministerium einen Stoß geben, aber es kam nicht mehr zur Abstimmung 
über den Antrag, und der Stoß war nicht mehr nötig. Zwei Tage 
') „Abgedrungenes Einverständnis", schrieb Friedrich Wilhelm auf das be 
treffende Aktenstück.
	        

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