Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Robert Blum-Feiern Wahlgesetz 1849 
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zu neuen lauten Kundgebungen. Der Kölner Böttcherssohn erhielt durch 
seinen „Märtyrertod" auf einmal eine Bedeutung, die er im Leben nie 
besessen, auch nie verdient hatte. Zn Cassel sammelten sich zur Robert 
Blum-Feier die Bürgergarden der niederhessischen Städte, um im Leichen 
schritt mit Trauermusik durch die Straßen zu marschieren und dann auf 
dem Königsplatz eine wütende Brandrede des „Hornissen"-Redakteurs 
Dr. Kellner anzuhören. Die Marburger Turner pflanzten eine Robert- 
Blunt-Linde auf dem Renthof, die Casselaner unter großer Beteiligung 
sogar der höchsten Regierungsbeamten eine Robert-Blum-Eiche auf dem 
Rothenberg bei Rotenditmold; an andern Orten beeilte man sich, das 
Beispiel nachzuahmen. Die Bäume sind längst verdorrt oder von 
den Strafbayern abgehauen, und an derselben Stelle, wo die von 
den Casseler Verehrern des erschossenen Deutschkatholiken gepflanzte 
Eiche stand, erhebt sich jetzt durch eine Ironie des Schicksals eine ka 
tholische Kirche. 
Am 1. Dezember 1848 traten die neugewählten Landstände für die 
Landtagsperiode 1849/51 zum ersten Male wieder zusammen. Nach 
dem so ziemlich alle Märzforderungen durch das Entgegenkommen des 
Ministeriums Eberhard-Wippermann erfüllt waren, blieb nur noch eine 
übrig, die Änderung des Wahlrechts. Von allen Verfassungsänderungen 
der Revolutionszeit war dies die umfassendste, sie bildete den Schluß 
stein der organisatorischen Tätigkeit der Märzregierung. Die §§ 63—68 
der Verfassung wurden gänzlich aufgehoben, und damit das Wahlrecht 
sämtlicher sog. privilegierten Stände (Prinzen, Standesherrn, Prälaten 
und Ritter) abgeschafft. An die Stelle ihrer Vertreter kamen sechzehn 
Abgeordnete der Höchstbesteuerten aus dem ganzen Lande mit einem 
in manchen Gegenden lächerlich geringen Zensus. Die Zahl der durch 
direkte und mündliche Wahl gewählten Deputierten stieg auf 48, die 
zu gleichen Teilen von Städtern, Landbewohnern und Höchstbesteuerten 
zu wählen waren. Das Wahlgesetz wurde wegen seines plutokratischen 
Einschlags von der demokratischen Minderheit der Landstände scharf 
aber erfolglos bekämpft, während merkwürdigerweise die Standesherrn 
sich damit zufrieden erklärten. Winkelblech wollte lieber dem Adel seine 
Rechte lassen, als für die großen Geldsäcke (in Hessen gab es freilich 
nicht viele) ein Privilegium schaffen, und als nach laut und hitzig ge 
führter Debatte das Gesetz am 5. April 1849 endlich zustande kam, da 
spottete die „Hornisse" bissig über die proportionierte Freiheit, Gleichheit 
und Brüderlichkeit des hochwohlbesteuerten Spießbürgertums. 
Scharf schieden sich auch die Geister in der Frage der deutschen
	        

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