Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Huldigung für den Reichsverweser 
251 
deutschen Kontingente für das Reichsoberhaupt anordnete, da wurde 
diese Weisung von Preußen, Österreich und Hannover überhaupt nicht 
beachtet. Um so feierlicher und herzlicher gestaltete sich dieser Huldigungs 
akt in Kurhessen. Das hessische Militär hatte unruhige Monate verlebt. 
Abgesehen von öfteren Detachierungen kleinerer Truppenteile in ver 
schiedene zu Krawallen neigende Landstriche mußte Mitte April der 
größte Teil nach Baden marschieren, um bei der Unterdrückung des 
Heckerschen Aufstandes Hilfe zu leisten. Ohne eine größere Tätigkeit 
entfaltet zu haben, da der Putsch schnell niedergeschlagen war, kehrten 
die Truppen Ende Mai zurück. Am Sonntag, den 6. August, rückte 
die Casseler Garnison zum ersten Male mit schwarzrotgoldenen Kokarden 
über der hessischen und mit gleichfarbigen Schleifen an den Fahnen auf 
den Forst hinaus, wo Kurfürst Friedrich Wilhelm an der Spitze 
eines glänzenden Gefolges mit gezogenen: Degen das Zeichen zur feier 
lichen Huldigung für den Reichsverweser gab. Daran schloß sich die 
Fahnenweihe für die neue Schutzwache und nachinittags ein großes 
allgemeines Volksfest in der Aue. Auch hier erschien der Kurfürst und 
zwar, wie man ihn noch nie gesehen hatte, in bürgerlicher Kleidung 
mit der deutschen Kokarde am Hute, in der Mitte des Volkes, das 
ihn freudig begrüßte. Herbold, der ehemalige „Masaniello von Cassel", 
kredenzte ihm den Ehrentrunk. Freundlich nahm der Kurfürst den Becher 
mit den Worten entgegen, daß er, obgleich der heutige Tag dem großen 
deutschen Vaterland gewidmet sei, ihn auf das Wohl der engern hessi 
schen Heimat leeren wolle. Der Trinkspruch rief großen Jubel her 
vor, die Musik mußte „Heil unserm Kurfürst, Heil!" spielen, und alles 
stimmte in den Gesang des Liedes ein. Dann begab sich der Kurfürst 
zum Bowlinggreen, wo Spohr ein Riesenkonzert dirigierte, uird bat ihn, 
„Was ist des Deutschen Vaterland" anstimmen zu lassen. Allgemeine 
Begeisterung geleitete den Kurfürsten zum Wagen, als er nach Wil- 
helmshöhe zrirückkehrte. Der schöne, durch nichts getrübte Festtag schloß 
mit einem großen Briilantfeuerwerk, welches das Mahnwort „Einigkeit" 
umspielte. 
Die deutsche Einigkeit sollte schon bald auf die Probe gestellt 
werden. Vier Tage später gingen wieder vier kurhessische Bataillone 
nach badischen Garnisonen ab, um die nach Holstein in den Krieg 
ziehenden badischen Truppen zu ersetzen. Die schleswig-holsteinische 
Frage, ein Produkt des neuerwachten dänischen und deutschen Natio 
nalismus, der auf beiden Seiten nicht ganz den Rechtsboden achtete, 
.zeigte zuin ersten Male ihre unglückliche Einwirkung auf die deutschen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.