Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Zustizwesen Zivilehe Verwaltung 
scheiben zertrümmert, die Schranken des Gerichts vom Pöbel zerbrochen^ 
der Staatsanwalt mit Schneebällen bombardiert — und die Angeklagten 
unter frenetischem Jubel freigesprochen wurden. Auch die Kriegsgerichte 
mußten öffentlich verhandeln und durften nicht mehr auf strengen und 
Lattenarrest erkennen. Statt dessen wurden besondere Strafabteilungen 
beim Militär eingerichtet. Die Besetzung des höchsten hessischen Gerichts 
hofes, des Oberappellationsgerichts, wurde jetzt ganz in die Hände der 
Ständeversammlung gelegt, dem Landesherrn, der die neuernannten Räte 
einfach bestätigen mußte, damit ein wesentlicher Teil seiner Justizhoheit 
entrissen. Ja, man zwang ihn sogar, obwohl das Gesetz die Unabsetzbar 
keit der Oberappellationsräte bestimmte, das jüngste Mitglied des Ge 
richtshofes, weil es den Ständen so beliebte, da es nicht der herrschenden 
Partei angehörte, aus seinem Amt zu entfernen unb zur Disposition zu 
stellen. Noch viel empfindlicher berührte den Kurfürsten die Abänderung 
des § 107 der Verfassung, durch die er seine Eigenschaft als oberster 
Militärchef verlor und das ganze Kriegswesen völlig dem Kriegsminister 
bzw. den Ständen ausliefern mußte. Mit der Verkündigung der ab 
soluten Religions- und Gewissensfreiheit nicht zufrieden, schritt die März 
regierung auch zur Einführung der obligatorischen bürgerlichen Ehe, die 
ohne Rücksicht auf Religionsunterschiede auch zwischen Juden und 
Christen geschlossen werden konnte, und gab damit den kirchlichen 
Kreisen ein großes Ärgernis. Schließlich wurde noch die ganze Ver 
waltung des Kurstaates recht überflüssigerweise von Grund aus um 
gestaltet. Die Provinzialregierungen verschwanden; das ganze Land 
wurde in neun Verwaltungsbezirke eingeteilt, von denen vier auf 
Niederhessen, je einer auf Oberhessen, Fulda, Hanau, Schaumburg und 
Schmalkalden kamen. Statt der Kreise gab es nur noch Berwaltungs- 
ämter mit je zwei leitenden Verwaltungsbeamten statt der früheren 
Landräte. Das wichtigste an der ganzen komplizierten Umgestaltung 
war die Ausdehnung der Selbstverwaltung, die dem Volke durch selbst 
gewählte Vertreter in einem dem Bezirksdirektor zur Seite stehenden 
Bezirksrat und Bezirksausschuß zugebilligt wurde. Der Versuch, die Zu 
sammensetzung der Ständekammer unter Beseitigung der bevorrechtigten 
Stände der Ritter, Standesherrn und Prinzen abzuändern, fand nicht 
die nötige Stimmeneinhelligkeit und mußte später wiederholt werden, da 
für Verfassungsänderungen eine Mehrheit von drei Vierteln der Stimmen 
auf zwei nacheinanderfolgenden Landtagen erforderlich war. 
In wenigen Monaten war es der Märzregierung gelungen, die 
öffentlichen Verhältnisse in Kurhessen dermaßen umzugestalten, daß dein
	        

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