Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Zweite Gardedukorpsnacht Zeughaussturm 
Offiziere die Soldaten zurückholen konnten, mar das Unglück schon ge 
schehen. Eine ganze Anzahl von Demonstranten und unbeteiligten Neu 
gierigen hatten blutige Wunden davongetragen und erfüllten nun mit 
ihrem Wehgeschrei und Wutgeheul „Bürger heraus! Die Gardedukorps 
haut ein!" die nächtliche Stadt. Binnen einer halben Stunde stand die 
Bürgergarde und das neugebildete Freikorps unter Waffen. Patronen 
wurden verteilt, das Volk riß das Pflaster auf, und in der zeitgemäßen 
Erkenntnis, daß eine richtige Revolution nicht ohne Barrikaden voll 
ständig sei, sorgte man vor allen Dingen dafür, daß sich in zahlreichen 
Gassen und Straßen Wälle von Wagen, Fässern, Balken, Kisten, 
Pflastersteinen und Eisendraht mit blitzartiger Geschwindigkeit und in 
sachgemäßer Konstruktion erhoben. Es fehlte nur der Feind, der sie an 
greifen sollte. Um diesem Feind aber mit Waffen zu begegnen, stürmte 
nun das Volk, zum großen Teile unreife Burschen und „Schlagdhasen", 
nach berühmtem Muster das Zeughaus, das unverantwortlicherweise nicht 
bewacht war, und plünderte bei Fackelschein den großen Waffensaal, 
bis jeder dumme Zunge bis an die Zähne bewaffnet war. Dann ging's 
zurück zur Gardedukorpskaserne, wo sich die Gardereiter auf Befehl 
des Kurfürsten schon zum Abzug rüsteten, der in hastiger Eile durch 
das Königstor erfolgte. Wütende Schreie, Schüsse und Steinwürfe 
folgten den Abziehenden, dann gab's einen neuen Angriff auf die leere 
Kaserne, an der nun auch die letzte Fensterscheibe zertrümmert wurde. 
Nur die Inschrift „Nationaleigentum" konnte das „Mordnest der Fleisch 
hacker" vor der geplanten und schon begonnenen Vernichtung durch 
Feuer retten. Ein Freischärlerkorps in räubermäßigen Kitteln mit großen 
Schlapphüten zog stolz als Sieger in die eroberte Festung ein, über der 
nun die schwarzrotgoldene Fahne wehte. So wütend der Kurfürst auch 
namentlich über den Zeughaussturm war — seine Dulder verfielen nach 
her gerechter Strafe —, so blieb ihm doch nichts anderes übrig, als die 
von dem Volkswillen verlangte und von dem Ministerium befürwortete 
Auflösung seiner Leibwache anzuordnen, die mit den Hofgeismarer 
Husaren vereinigt wurde. Dieser Schritt wurde ihm sehr schwer, aber 
angesichts der ungeheuren Aufregung in der Stadt war er nicht zu um 
gehen, wollte man es nicht zu ernstlichen Kämpfen kommen lassen. Die 
blutigen Ereignisse der Berliner Märztage waren noch in zu frischer 
Erinnerung und reizten nicht zur Nachahmung. Hatte doch eben erst 
in Cassel der Besitzer des „Königs von Preußen", um sein Haus vor 
der Volkswut zu retten, das Bild des alten Fritzen daran anbringen 
lassen „zur Vermeidung von Verwechselungen" mit dem „feigen Tyrannen,
	        

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