Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Die Märzunruhen in Cassel Kurfürstliche Zugeständnisse 
liches Bild wie am 15. September 1830, und wie damals erscholl ein 
langanhaltender Zubelruf aus Tausenden von Kehlen, als diesmal 
Seidler das verabredete Zeichen mit dem Taschentuch gab, daß der 
Kurfürst die Forderungen des Volkes genehmigt habe. Vom Balkon 
des Rathauses verlas Neb elthau dann, nicht ohne stürmische Unter 
brechungen von seiten der Zuhörer, die den ganzen Meßplatz füllten, 
die Antwort des Kurfürsten: „Ich habe bereits vor dem Empfang 
Ihrer Eingaben die Einberufung der dermaligen Ständeversammlung 
zum Zwecke einer Beratung des Preßgesetzes unb anderer allgemeiner 
Landesangelegenheiten verordnet und werde derselben Zhre Bitten und 
Anträge, soweit es zu deren Realisierung der Mitwirkung der Stände 
bedarf, zur Beratung vorlegen lassen, um die gesetzliche Feststellung auf 
verfassungsmäßigem Wege herbeizuführen. Zu diesem Zwecke habe ich 
bereits andere Ratgeber in mein Ministerium berufen." Aber mit diesen 
Zugeständnissen war die Menge auf dem Meßplatz nicht zufrieden, und 
die Aufforderung zur Eintracht und gesetzlichen Ordnung, mit der die 
kurfürstliche Antwort schloß, fand hier ein unerwartetes Echo. Ein 
wüstes Toben, Schreien und Schimpfen begann, das sich merkwürdiger 
weise hauptsächlich gegen den in Postmeistersuniform erschienenen Nebel 
thau richtete. Dieser hatte sich nämlich den Haß der Casseler Lohnkutscher 
zugezogen, weil er billige Postfahrten nach Wilhelmshöhe eingerichtet 
hatte, und sollte dieses politischen Verbrechens wegen als Volksverräter 
jetzt massakriert werden. Das Rathaus wurde fast gestürmt und Fenster, 
Tische und Stühle zertrümmert. Dazwischen brüllten betrunkene Blusen 
männer unaufhörlich: „Preßfreiheit! Preßfreiheit!" und konnten nur 
durch die schlagfertige Antwort des Polizeidirektors Morchutt besänf 
tigt werden, der ihnen zurief: „Ja, schreibt nur! Schreibt nur! Alles 
was ihr schreibt, soll gedruckt werden!" Der Tumult legte sich erst, 
als in der untern Stadt ein neuer entstand, der die Aufmerksamkeit 
und die Volksmenge dorthin lenkte. Ein Leutnant Weber von der 
Artillerie hatte tags zuvor am gemeinschaftlichen Mittagstisch zu seinen 
Kameraden geäußert: solange rechtsum und linksum kommandiert würde, 
werde er gehorchen, wenn es aber zum Abprotzen komme, werde er 
nicht auf die Bürger feuern lassen. Diese und ähnliche mit seiner Offi- 
ziersstellung und dem soldatischen Gehorsam nicht ganz vereinbare 
Äußerungen hatte der Premierleutnant D a r a p s k y seinen Vorgesetzten 
gemeldet, unb Weber war deshalb in Arrest genommen. Kaum war 
dies bekannt geworden, so strömte ein Volkshaufen nach der Unterneu 
stadt, um den Volksfreund und Märtyrer aus dem Kastell zu befreien..
	        

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