Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Hanauer Märzrevolution 1848 
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dingten Niedergang des Gewerbes und durch das Mißverhältnis zwischen 
Kapital und Arbeit hatten sich die Klassengegensätze verschärft. Die letzten 
Hungerjahre hatten den kleinen Mann hart mitgenommen und manchen 
über das Meer in die Fremde getrieben. Und die zahlreichen Aus 
wanderer schrieben aus Amerika von der dortigen Freiheit ohne staatlichen 
und Polizeizwang und sorgten so bewußt und unbewußt für die Ver 
breitung republikanischer Ideen, mit denen sich die aus Frankreich 
stammenden sozialistischen verbanden. So war der deutsche Boden wohl 
vorbereitet für die Revolution; aber ihr plötzlicher ungestümer Ausbruch 
wirkte doch auf die ganze Welt verblüffend, namentlich aber auf die 
Regierungen, die fast ausnahmslos vor ihr kapitulierten. 
Der Ausgangspunkt der kurhessischen Märzbewegung war das 
unruhige Hanauer Land, in dem es seit der Verfolgung der Deutsch 
katholiken, Lichtfreunde und Turner unaufhörlich gärte. Die aus Frank 
furt eintreffende Nachricht von den Pariser Ereignissen wirkte wie der 
Funken im Pulverfaß, und als der Bundestag seine berühmte Verlegen 
heitserklärung über die notwendige Einigkeit zwischen Fürsten und Völkern 
in dieser sturmbewegtcn Zeit losließ, da war es schon zu spät. In den 
fast permanenten Hanauer Volksversammlungen ging es wild her. Fremde 
Emissäre, unter ihnen der bekannte Putschorganisator Germain Metter 
nich, führten das große Wort und stachelten die so schon aufgeregte 
Bevölkerung immer mehr an. Von Proklamierung der Republik und 
Einsetzung einer provisorischen Regierung war die Rede; andere schrien, 
man müsse mit bewaffneter Hand nach Cassel .ziehen und gleich einer 
Lawine die Revolution durch das Land wälzen. Neben der Bürger 
garde bildeten sich bewaffnete Freikorps, deren Mitglieder die Bleirohre 
von den öffentlichen Brunnen abrissen, um Kugeln zu gießen. Der Küfer 
Schärttner, ein volkstümlicher Redner, dessen berühmtes Wort „Was 
braach ich's dann zu beweise, wann ich's behaupte tu" feinen Namen 
in Hanau unsterblich gemacht hat, organisierte die lang unterdrückte 
Turnerschar, der Schlesier Röttelberg sammelte ein Freikorps von 
Blusen- und Sensenmännern. Ansehnlicher Zuzug bewaffneter Scharen 
traf aus den Nachbarstädten Mainz, Frankfurt, Offenbach, Mannheim 
und aus den oberhessischen Ortschaften ein, so daß Hanau den Mittel 
punkt der ganzen revolutionären Maingegend bildete. Die Obrigkeit ver 
sagte vollständig. Der Regierungsdirektor Robert verließ heimlich die 
Stadt, der Polizeidirektor v. Specht wagte es nicht, mit Anordnungen 
hervorzutreten. Nur der liberale Bürgermeister Eberhard suchte nach 
Kräften die Aufregung der untern Volksklassen zu dämpfen und nament-
	        

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