Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Friedrich Wilhelm und die Verfassung 
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angetreten habe". Bon der Verfassung war weder in diesem Patent noch 
in den von den Kanzeln verlesenen Bekanntmachungen die Rede. Der 
Gedanke lag nahe, daß der Kurfürst, der nach langem Zögern (vgl. 
S. 160) nur in seiner Eigenschaft als Mitregent die Verfassung seiner 
zeit angelobt hatte, ihre lästigsten Fesseln abzustreifen versuchen werde. 
Diese Absicht hat auch der Kurfürst entschieden gehabt. Das Beispiel, 
das Ernst August von Hannover vor zehn Zähren gegeben, reizte zur 
Nachahmung, und nur der verbohrteste Verfassungsenthusiast konnte 
leugnen, daß vieles reformbedürftig an dem Werke Sylvester Jordans 
war. Das hatte die ganze Misere der letzten 16 Fahre konstitutionellen 
Regiments zur Genüge bewiesen *). Andererseits zeigten die radikalen 
Verfassungsänderungen des nächsten Jahres, daß auch für die Konsti 
tutionellen die Verfassung keineswegs ein Nolimetangere war. Eine der 
unglücklichsten, auch nur in der kurhessischen Verfassung vorkommenden 
Bestimmungen war der Paragraph, der die Vereidigung des 
Militärs auf die Verfassung vorschrieb. Als nun am 6. Dezember die 
Easieler Garnison auf den Friedrichsplatz ausrückte, um die neue Eides 
leistung zu vollziehen, da geschah diese auf allerhöchste Order in der 
Form des einfachen Fahneneides, wie er zuletzt beim Regierungsantritt 
Wilhelms II. gefordert war. Diese Anordnung erregte namentlich in 
jüngeren Offizierskrcisen Bedenken. Sie wurden aber durch die höheren 
Offiziere mit dem Hinweise beschwichtigt, daß es sich in diesem Falle 
nicht um die Begründung'eines neuen Dienstverhältnisses, sondern nur 
um eine Veränderung in der Person des obersten Kriegsherrn handle. 
Der Kurfürst selber erklärte dem Generalmajor v. Specht und dem 
Obersten v. Urff, daß der früher auf die Verfassung geleistete Eid neben 
dem jetzt verlangten neuen Huldigungseid seine Geltung behalte. Die 
Angelegenheit, die ins Publikum drang und auch in der Ständekammer 
zur Sprache kam, war damit beigelegt, hatte aber insofern eine weiter 
gehende Bedeutung, als sie zum ersten Male das kurhessische Offiziers 
korps mit der schwebenden Verfassungsfrage in unliebsame Berührung 
brachte und dem Kurfürsten zeigte, welche unabsehbaren Folgen diese 
Berührung haben konnte. Friedrich Wilhelm war deshalb über die 
Offiziere, namentlich der Leibgarde, die zusammen ihre Bedenken ge 
äußert hatten und damit nach seiner Ansicht gegen das Verbot gemein 
st „Sie haben in Cassel eine Konstitution, mit der sich auf die Dauer gar 
nicht regieren läßt", sagte der darmstädtische Minister du Thil zu seinen, Casseler 
Kollegen v. Lepel, was dieser allerdings nicht zugeben wollte, (du Thil, Denk 
würdigkeiten, S. 272.)
	        

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