Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Losch, Geschichte des Kurfürstentums Hessen 
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Landtagsauflösung 1846 Mißernte Ministerium Scheffer 
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aber das bedenklichste Geistesprodukt genannt wurde, das jemals unter 
dem Namen eines landständischen Ausschußberichts in Kurhessen er 
schienen sei. Als die Kammer trotz dieser Kritik über den Henkelschen 
Bericht debattieren wollte, wurde sie am 17. November 1846 aufgelöst, 
weil die Negierung nicht gewillt sei, den Ständesaal zu einem Tummel 
platz religiöser und politischer Demagogie werden zu lassen. 
Die heimkehrenden Stände fanden das Land in schweren Sorgen 
über die Folgen der total verunglückten Ernte dieses Jahres. Die 
Preise der Lebensmittel stiegen ins Ungeheure, und die Regierung hatte 
alle Hände voll zu tun, um der ausbrechenden Hungersnot nach Kräften 
zu steuern. Die meisten Beamten erhielten außerordentliche Zulagen, 
und zur Beschaffung von Brotfrucht wurde überseeisches Korn für 
Millionen angekauft und im Lande verteilt. Eine sog. Schwerenots 
kommission bereiste das Land, um den Notstand zu prüfen und ge 
eignete Mittel zur Linderung der schlimmsten Adelstände zu finden. 
Der Kurprinz wurde auf Wilhelmshöhe von Hilfesuchenden direkt be 
lagert und mußte oft in seine Schatullkasse greifen, bis die neue reiche 
Ernte bessere Verhältnisse schuf. 
So zeigte die Regierung ein warmes Herz für die Notlage des 
Landes, zugleich aber auch rücksichtslose Energie in der Bekämpfung 
ihrer politischen Gegner. Zm Gegensatz zu Koch, der abwechselnd mit 
Volmar nach Hansteins Entlassung (1841—47) das Departement des 
Innern leitete und mehr eine vermittelnde Stellung einnahm *), kannte 
Scheffer, der 1846 ins Ministerium eintrat, um es im folgenden 
Sommer allein zu übernehmen, kein Paktieren mit dem, was er De 
magogie nannte. Der Schrecksbacher Pfarrerssohn war entschieden die 
markanteste Persönlichkeit unter den Nachfolgern Hassenpflugs. Stets 
schlagfertig und unerschrocken, diente er seinen liberalen und demokrati 
schen Gegnern mit einer urwüchsigen Grobheit, die ihm den Spitznamen 
des „Dreschflegels von der Schwalm" verschaffte. Aber auch dem 
Landesherrn gegenüber pflegte er, sich so wie er war zu geben, lind 
eben diese ungeschminkte Offenherzigkeit war es, die ihn dem jeder 
Schmeichelei und Kriecherei abholden Fürsten empfahl. Scheffers kirch 
liche Anschauungen teilte der neue Iustizminister Bickell, der Symbol- 
verteidiger, der um diese Zeit (1846) Mackeldey ersetzte. Auch im 
*) Koch schied, wie fast alle Minister Friedrich Wilhelms, im Unfrieden von 
dem Regenten und ergoß dann nach der Revolution seinen aufgespeicherten Groll 
in eine langatmige Denkschrift, die als Manuskript gedruckt bei seinen Freunden 
zirkulierte.
	        

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