Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Strenger Winter 1844/45 Sozialer und religiöser Radikalismus 223 
Ein ungewöhnlich strenger und harter Winter beschloß das Jahr 
1844 und dauerte noch lange in das nächste Jahr hinein. Bis Ende 
März stand das Eis auf den Strömen und gab Gelegenheit zu Volks 
festen auf dem Maine und auf der Fulda, wo die Küfer nach altem 
Brauche im Freien Erinnerungsfässer zimmerten. Die Casseler Küfer 
machten das in der Frühlingswoche der Ostern auf dem Fuldaeise 
angefertigte Stückfaß dem Regenten zum Geschenk und wiederholten 
damit ein Kunststück, das ihre Vorväter vor 105 Fahren in dem 
strengen Winter von 1740 schon einmal fertig gebracht hatten. Der 
Sommer brachte ein Volksfest anderer Art, als am 1. Fuli 1845 bei 
Guxhagen sich Tausende von Menschen sammelten, um der Feier des 
ersten Spatenstichs für die Friedrich-Wilhelms-Nordbahn beizuwohnen. 
Die von dem Bau der Eisenbahnen erwarteten goldenen Zeiten 
wollten aber nicht so schnell kommen. Das beginnende Zeitalter der 
Dampfmaschinen brachte zwar danials einen bedeutenden Aufschwung 
mancher Industrien, aber diese Entwicklung bedrohte zugleich viele kleine 
Existenzen. Kleingewerbe und Hausindustrie gingen sichtbar zurück, 
weil sie die Konkurrenz mit dem Großbetrieb nicht mehr aushalten 
konnten. In Hessen war das im allgemeinen nicht so schlimm wie in 
Gegenden mit stark entwickelten Industrien, wo, wie in Schlesien, 
Hunger und Elend bei den kleinen Leuten herrschte, aber auch in Hessen 
machten sich die Gegensätze zwischen Arm und Reich in der Lebens 
führung mehr als früher bemerkbar. Der kleine Mann lebte kümmer 
lich, und, wie im übrigen Deutschland, fing die bis dahin unbedeutende 
Auswanderung nach dem gelobten Lande Amerika an stark zuzunehmen. 
Durch den gesteigerten Verkehr verbreiteten sich außerdem die neuen 
Lehren des französischen Sozialismus, und mancher deutsche Hand 
werksbursch kehrte mit radikalen Anschauungen aus dem Ausland in 
die Heimat zurück. 
Auch auf religiösem Gebiet kam es zu neuen Gärungen, die 
diesmal im Schoße der katholischen Kirche ihren Anfang nahmen. 
Uber eine Million Menschen wallfahrte im Jahre 1844 zu dem 
von dem Bischof Arnoldi ausgestellten Heiligen Rock nach Trier, 
veranlaßten aber durch ihre Andacht zugleich heftige Gegendemon 
strationen. Zwei Bonner Professoren, v. Spbel und Gildemeister, 
(beide wurden kurz darauf an die Marburger Hochschule berufen) be 
stritten laut die Echtheit der ausgestellten Reliquie, und der schlesische 
Kaplan Johannes Ronge gab durch seinen offenen Brief an den Bi 
schof von Trier den Anstoß zu der freigeistigen, mit radikalpolitischen
	        

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