Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Gespanntes Verhältnis zur Kurfürstin 
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eilte auf die Nachricht von dem Unfall am nächsten Tage rtach Wilhelms 
höhe, um den Sohn nach drei Jahren zum ersten Male wieder zu be 
suchen ; aber selbst bei diesem Besuche kam es zu Mißverständnissen. Der 
Gesandte v. Canitz, der sich verpflichtet fühlte, der Schwester seines Königs 
aufs kräftigste zu sekundieren, goß damit nur Ol ins Feuer und mußte 
deshalb sogar zeitweise Cassel verlassen, weil der Klirprinz ihn nicht 
mehr sehen ivollte. Das Verhältnis wurde besonders dadurch so un 
erträglich für den Regenten, weil seine Mutter, auf ihre Popularität 
pochend, über seinen Kopf hinweg die Stände für sich anrief, die von 
jeher auf ihrer Seite standen. Sowohl von seiten des Kurfürsten wie 
von ihren preußischen Verwandten war der Kurfürstin mehrfach nahe 
gelegt, doch um des lieben Friedens willen Cassel zu verlassen und ihre 
Residenz nach Fulda zu verlegen. Aber Auguste dachte gar nicht daran, 
diesen Ratschlägen zu folgen. Sie wich und wankte nicht unter dem 
Vorgeben, nur durch ihre Anwesenheit in Cassel und Schönfeld, dem 
einzigen Platz, an dem sie noch Freude habe, könne drohenden Unruhen 
in der Residenz vorgebeugt werden, während sie doch durch ihr schroffes 
Benehmen gegen den Sohn, den sie im privaten und gesellschaftlichen 
Leben in beleidigender Weise ignorierte, dessen Stellung immer mehr 
untergrub. Im Frühjahr 1835 machte Radowitz einen Versuch, eine 
Versöhnung anzubahnen, nicht aus Sympathie für den ehemaligen 
Schüler, mit dem er längst gebrochen hatte, sondern aus politischer 
Abneigung gegen die das unglückliche Verhältnis ausnutzende liberale 
Opposition,- deren Vertreter galten dem strammen Reaktionär nur als 
„elende Kopien nichtswürdiger Originale", „die einem hirnlosen Pöbel 
die Lieder vorsingen, die sie von dem Abhube fremder Demagogen haben 
pfeifen hören". Aber auch dieser durch den preußischen Kronprinzen und 
das Meininger Herzogspaar vermittelte Aussöhnungsversuch scheiterte 
und führte infolge des schroffen, durch den langen Hader bis zum 
Übermaß gereizten Wesens des Kurprinzen sogar noch zu einer ernst 
lichen, lange dauernden Verstiminung mit Meiningen. Von nun an mischte 
sich niemand mehr in den chronischen Familienzwist, der noch zwei Jahre 
lang mit seinen unerfreulichen Begleiterscheinungen nicht nur das Cafseler 
Hofleben berührte. Erst im Anfang des Jahres 1837 kam eine Ver 
söhnung zustande, indem die Kurfürstin endlich sich dazu verstand, die 
Gräfin Schaum bürg bei sich zu empfangen und als Schwiegertochter 
zu behandeln, wenn auch das Verhältnis zwischen den beiden Damen 
niemals ein herzliches und vertrauliches geworden ist. 
Dem Kurprinzen war es inzwischen gelungen, seinen durch den
	        

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