Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Revolutionäre Volksfeste 1832 
festem innigem Gestaltung eines einigen großen Deutschlands paarte sich 
mit überschwenglichem Enthusiasmus für die Sache der angeblich in 
Frankreich siegenden, in Polen besiegten Freiheit. Der deutsche Radi 
kalismus hatte sein Hauptquartier an der französischen Grenze in dem 
unruhigen Lande der pfälzer Krischer, und hier fand am 27. Mai 1832 
das von vielen Tausenden besuchte Hambacher Fest statt, wo unter 
Entfaltung des auf einmal zum teutschen Panier erhobenen schwarz 
rotgoldenen Burschenschaftsbanners dem Deutschen Bunde und seinen 
Fürsten offen der Krieg erklärt wurde. Die Bewegung wirkte ansteckend, 
und obwohl die mehr dem juste inilieu zuneigenden Casseler Kreise 
von den „revolutionären Saturnalien" auf dem Hambacher Schloßberg 
nichts wissen wollten, und die Marburger in ihrer Zustimmungsadresse 
nach Hambach ausdrücklich versicherten, daß sie nur „in echt konstitu 
tionellem Sinne" den festlichen Tag mitbegehen würden, so zeigten doch 
die schönen schwarzrotgoldenen Farben ihre werbende Kraft und wurden 
zum Symbol der Opposition. Öffentliche Volksfeste mit politischer Ten 
denz waren an der Tagesordnung. Schon am 19. Februar 1832 hatte 
man in Gießen ein „Fest der Eintracht der beiden hessischen Bruder- 
stämme" gefeiert, das von Marburgern zahlreich besucht wurde. Im 
Hanauischeu hatten die im März vom Bundestag verbotenen „Neuen 
Zeitschwingen" den Boden besonders vorbereitet, und hier machte man 
an verschiedenen Punkten den Versuch, das Hambacher Fest zu kopieren. 
So in Bergen, dicht vor den Toren von Frankfurt, und namentlich am 
22. Juni in Wilhelmsbad. Zn einem gedruckten Aufruf wurde die 
Intelligenz von Cassel aufgefordert, nach Wilhelmsbad zu kommen, wo 
man Samen säen wolle, welcher Früchte trage auf Jahrhunderte. Bei 
dieser Aussaat ging es indessen erheblich gemütlicher zu als in der fröh 
lichen Pfalz. Man aß, trank und sang viel und redete noch mehr und 
vergnügte sich in unbestimmtem Tatendrang beim Pflanzen von Frei 
heitsbäumen, an denen das neue Panier, dessen Farben jeden Teil 
nehmer schmückten, im Winde flatterte. Auch ein zahlreich besuchtes 
oberhessisches Volksfest auf dem Wollenberg bei Wetter am 2. Juli 
hatte vorwiegend den Charakter einer Volksbelustigung, bei der aber 
die revolutionären Gießer Sendlinge die Marburger Studenten für ihre 
radikalen politischen Bestrebungen zu gewinnen suchten. 
Den Herren am Bundestag wurde die immer lauter und wüster 
sich gebärdende Agitation ungemütlich, und sie beschlossen, die ihnen 
entgleitenden Zügel straffer anzuziehen. Vier Wochen nach dem Ham 
bacher Feste erließ der Bundestag sechs Artikel, die zwar keine eigent
	        

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