Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Bürgergarde Ablösungen Landeskreditkasse 
Hassenpflug trat nicht mit leeren Händen vor die Ständekammer. 
Vor allen Dingen brachte er ihr das sehnlichst erwartete Bürger 
gardengesetz vom 23. Juni 1832, an dem nach vieler Ansicht das 
Wohl des Landes zu hängen schien. Der Kriegsminister v. Hesberg 
mochte es nicht unterzeichnen und umging diese Verpflichtung, indem er 
verreiste und sich durch Trott vertreten ließ. Durch das Gesetz wurde 
nun die allgemeine Bürgerbewaffnung endgültig sanktioniert und auch 
auf das platte Land ausgedehnt. Die Soldatenspielerei — nicht zu 
vergleichen mit der wirklich militärischen Ausbildung der ehemaligen 
Landmiliz — drang nun bis in die kleinsten Dörfer, und in den mit 
viel zu vielen Vorgesetzten bedachten Zwergbildungen ergaben sich bald 
Situationen unfreiwilliger Komik, wie sie der junge Referendar Ernst 
Koch mit köstlichem Humor in seinem „Prinz Rosa Stramin" zu schildern 
verstand. 
Unvergleichlich viel nützlicher für das Land und zeitgemäßer war 
das am selben Tage veröffentlichte Ablösungsgesetz. Eigentliche 
Leibeigenschaft hatte zwar im alten Hessen nicht bestanden, und auch 
im übrigen Lande war sie schon lange bis auf wenige noch fortbestehende 
Lasten verschwunden. Aber diese, seit alter Zeit auf dem kleinen Grund 
besitz ruhenden Zinsen, Zehnten und sonstigen Reallasten wurden von 
den damit Beladenen hart empfunden, und der Wunsch ihrer Beseitigung 
war längst allgemein. Durch das Gesetz konnten nun alle derartigen 
Verpflichtungen in billiger Weise abgelöst werden. Bei völliger Ablö 
sung wurde der jährlichen Leistung der zmanzigfache Betrag zugrunde 
gelegt. Um den Bauern, die kein Kapital besaßen, die Möglichkeit der 
Ablösung zu schaffen und zu erleichtern, wurde gleichzeitig, hauptsächlich 
auf Anregung des Abgeordneten Jungk, mit der Landeskreditkasse 
ein Institut ins Leben gerufen, dessen segensreiche Wirksamkeit seitdem 
bis auf den heutigen Tag im Hessenlande zu spüren ist. Die Landes 
kreditkasse, für die der hessische Staat mit seinem reichen Vermögen 
haftete, gab nicht nur den Grundbesitzern gegen sehr mäßige Zinsen und 
geringen Kapitalsabtrag die finanziellen Mittel zur Ablösung, sondern 
schoß ihnen auch aus den Ablösungsgeldern, dem sogenannten Laudemial- 
fonds, zur Verbesserung ihrer Verhältnisse ohne kostspielige Vermittlung 
von Berufsgeldleihern Kapitalien vor, während sie andererseits den 
kleinen Sparern Gelegenheit gab, ihre Ersparnisse sicher und gut anzu 
legen. Damit wurde zugleich der wucherischen Ausbeutung durch die Juden 
ein Riegel vorgeschoben, deren um diese Zeit vollendete Emanzipation 
ihre wirtschaftlichen Schattenseiten nicht ganz verleugnen konnte.
	        

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