Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Schnurrbartdebatte 1832 Jahresfeier der Verfassung 
wurden auf der Straße von den Gassenjungen verhöhnt, und als ein 
Unteroffizier der Gardedukorps eine derartige Anrempelung mit ein paar 
Püffen erwiderte, da gerieten ob der neuen Schandtat der verhaßten 
Truppe Ständeversammlung und Straße in hochgradige Erregung. Ein 
neuer Entrüstungssturm setzte ein, als eine landesherrliche Verordnung 
den in der Bürgergarde dienenden Beamten das Tragen der militärischen 
Schnurrbärte verwies, eine überflüssige Bevormundting, die aber vom 
Standpukt der damaligen Modeanschauungen beurteilt werden muß. 
Wieder kochte die Volksseele in der Ständekammer. Jordan, eben 
am Sylvestertag, der zu einem Nationalfesttag zu werden drohte, wie 
ein König gefeiert, mußte zwar am 3. Januar 1832 selber gestehen, daß 
er die Schnurrbärte nicht leiden könne, rief aber doch den Geist der 
Verfassung gegen diesen neuen Bruch des heiligen Grundgesetzes uin 
Hilfe an. An dem Barte eines Mannes dürfe sich noch nicht einmal 
der türkische Sultan vergreifen. Er sei ein persönliches Eigentum, und 
jeder Angriff dagegen verwandle die Freiheit in eine wahre Leibeigen- 
schaft! Trotz des einer besseren Sache würdigen Pathos des Tirolers 
endete die erregte Schnurrbartdebatte ivie ein Sturm im Glase Wasser, 
da die glattrasierte Mehrheit der Ständekammer diesmal ihrem Volks 
tribun nicht folgte und der richtigen Ansicht war, daß ihre, ernsten 
Geschäften gewidmete Zeit für solche Ergötzlichkeiten nicht vergeudet 
werden dürfe, wie der Landtagskommissar Meisterlin sich ausdrückte. 
Fünf Tage später, am 8. Januar 1832, wurde der erste Jahrestag der 
Verfassungsverkündigung gefeiert, wobei Zivil- und Militärkreise sich 
scharf gesondert hielten. Dem Festmahl des gesamten Offizierskorps 
im Stadtbausaal wohnte der Kurprinz bei und dankte in mehreren 
Trinksprüchen den Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten des Armee 
korps für ihre treue Anhänglichkeit an sein fürstliches Haus und seine 
Person. Wenn es auch bei den offiziellen Reden bei diesem Mahle an 
kräftigen konstitutionellen Beteuerungen nicht fehlte — „Auch wir haben 
die Verfassung beschworen", sagte der Genera! v. Hayn au, woran 
inan ihn später oft erinnerte —, so war doch die deutliche Be 
tonung der Harmonie zwischen Militär und Regenten den liberalen 
Gegnern der Soldateska unbequem. Übrigens erschien der Kurprinz am 
Abend des 8. Januar cuid) auf dem von den Ministern veranstalteten 
Festessen der höheren Beamten und brachte den ersten Trinkspruch auf 
die Gesundheit des Kurfürsten aus. 
Am selben Tage wurde das Ausrücken einer mobilen Kolonne nach 
Hanau anbefohlen, wo man die Feier des Verfassungstages durch einen
	        

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