Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Folgen der Gardedukorpsnacht 
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wurden vorzugsweise Unschuldige, darunter Weiber und Kinder, durch 
Waffen und Pferdehufe verletzt. Ein ungeheurer Entrüstungssturin folgte 
der „Gardedukorpsnacht". Zn der Ständekaminer erhitzten sich die 
Gemüter in aufgeregten Reden, und heftige Angriffe gegen die Regierung 
wurden hier, in der Bürgerschaft und in der Presse laut. Man verlangte 
die sofortige Bestrafung der Schuldigen und die Verlegung der Garde- 
dukorps aus der Stadt. Aber der Kurprinz blieb fest und zeigte, daß 
er nicht wie fein Vater gewillt fei, sich dem Willen der Gasse zu fügen. 
Das mifgebotene Militär blieb einige Zeit uin Caffel konfigniert, und 
die angekündigte Bestrafung der angeblich Schuldigen fiel mild aus unb 
wurde durch Begnadigung und spätere Auszeichnung überhaupt illusorisch 
gemacht. Der unglückliche Vorfall konnte nicht dazu dienen, die Be 
ziehungen des Regenten zur Kurfürstin zu bessern, zumal man in der 
liberalen Presse mehr wie je die Mutter gegen den Sohn ausspielte, z. T. 
in recht alberner Weise. So apostrophierten die Hahndorfschen „Blätter 
für Geist und Herz" die Kurfürstin in weinerlichem Tone: „Auguste, 
du Dulderin, weine nicht beim Anblick des Blutes deiner Kinder, und 
wenn wir dir kein Lebehoch bringen, wenn wir dich nicht mehr mit 
Fackelschein nach Hause begleiten dürfen, dann wollen wir weinen, dann 
wollen wir mit einer Träne im Auge zu Hause den stammelnden Kindern 
lehren: Es lebe unsere vielgeliebte Kurfürstin hoch! hoch! hoch!" Erst 
als der preußische Gesandte Hänlein, seit 13 Zähren Berater der 
Kurfürstin und Kolporteur des Casseler Stadtklatsches nach Berlin, 
seinen Posten verließ und im Herbst 1832 durch den aus Caffel 
stammenden Obersten v. Canitz ersetzt wurde, da gelang es dessen Be 
mühungen ini Frühjahr 1833, wenigstens für einige Zeit ein erträgliches 
Verhältnis unter den Gliedern der fürstlichen Familie herzustellen. 
Auch die schon lange bestehende Spannung zwischen Militär und 
Bürgerschaft mußte durch die Gardedukorpsnacht eine Verschärfung er 
fahren. Der Kriegsminister v. Loßberg, über dem noch immer das 
Damoklesschwert der Ministeranklage hing (vgl. S. 168), war beim 
Regierungsantritt des Mitregenten den grollenden Ständen geopfert 
worden, und seitdem kämpfte sein Nachfolger, General v. Hesberg, 
gegen die immer mehr um sich greifende liberale Anschauung, daß nach 
Durchführung der allgemeinen Bürgerbewaffnung das stehende Heer eine 
unnütze Last sei, die der Staat über Bord werfen, zum mindesten außer 
ordentlich verringern müsse. Fand doch Jordan allgemeinen Beifall in 
und außerhalb der Ständekammer, wenn er die dem Regenten blind 
ergebene Soldateska die „Hauptstütze der Willkür" nannte. Die Soldaten 
Losch, Geschichte de» Kurfürstentum» Hessen. 12
	        

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