Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Wilhelm IX. und die Revolution. 
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über die Grenze drangen. Ein Advokat Klinkerfuß zti Ziegenhain, der 
angeblich revolutionäre Propaganda betrieben haben sollte, allem An 
schein nach aber wohl nur ein vom Zeitgeist angesteckter Schwärmer 
war, wurde in Spangenberg interniert, und als der Landgraf Spuren 
von Sympathien für die französische Revolution in seiner Hauptstadt 
zu bemerken glaubte, da ließ er dort, wie in allen Garnisonsstädten, 
scharfe Patronen an die Truppen austeilen und geladene Kanonen vor 
dem Casseler Schlosse auffahren, um zu zeigen, daß er nicht gesonnen 
sei, das Beispiel des schwachen Königs von Frankreich nachzuahmeit. 
Die Casselaner liefen zusammen ob des ungewohnten Anblicks, gingen 
aber ruhig wieder auseinander, ohne daß sich hier wie im ganzen Lande 
irgend ein ernster Zwischenfall ereignet hätte. Man hatte aber gesehen, 
daß der Landgraf nicht mit sich spaßen ließ, und wenn es auch wohl 
in einzelnen Kreisen Unzufriedene gab, die große Masse des Volkes 
hing an dem Landesherrn, der, wie vielleicht keiner seiner Vorgänger 
und Nachfolger, Land und Leute kannte und auf unaufhörlichen Reisen 
durch alle Gegenden Hessens überall nach dem Rechten sah, Klagen und 
Beschwerden der Untertanen anhörte und durch fortgesetzte genaue Kon 
trolle der Beamtenschaft die von ihm erkannten Mißstände abzustellen 
trachtete. 
Doch die französische Revolution rückte näher und näher und fing 
an, so stark an den Pfeilern des alten Reiches zu rütteln, daß die Gefahr 
des Zusammenbruchs mehr und mehr offenbar wurde. Zn der allge 
meinen Verzagtheit, die damals im Westen Platz griff, zeigte allein der 
hessische Landgraf sich der Lage gewachsen. Lange bevor die anderen 
Reichsstände sich zur Abwehr aufrafften, schützte er durch ein starkes 
Truppenaufgebot in der Niedergrafschaft Katzenellnbogen die Lande 
der ihn um Hilfe anrufenden rheinischen Kurfürsten vor dem drohenden 
Einfall der Franzosen und zog dann mit seinen Hessen über den Rhein, 
um dem Kaiser beizustehen, seine Schwester und seinen Schwager vor 
dem Blutbeile zu retten. Der Zweck wurde nicht erreicht, wie über 
haupt die Revolutionskriege unglücklich verliefen. Aber unvergessen 
soll bleiben, wie nach dem elenden Feldzug in der Champagne 
Wilhelm IX. durch seine Energie und schnelle Entschlossenheit Koblenz 
und Ehrenbreitstein rettete und in ganz Hessen eine Volksbewegung 
entfesselte, die die Franzosen vor dem weiteren Vordringen ins Reich 
zurückscheuchte und in der glorreichen Erstürmung von Frankfurt am 
2. Dezember 1792 gipfelte. Damals schrieb ein deutscher Schriftsteller 
das oft zitierte Wort: „O, wenn der Hessen Beispiel ganz Deutschland
	        

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