Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Kurfürstin Auguste und die Gräfin Echaumburg 
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Am 9. Oktober traf die Gräfin Schauinburg von Fulda in Cassel ein. 
Als bei ihrer ersten Ausfahrt mit dem Kurprinzen die Pferde des Wagens 
stürzten, da wollten ahnungsvolle Seelen eine üble Vorbedeutung in 
diesem kleinen Mißgeschick erblicken. 
Man kann nicht sagen, daß die unebenbürtige Ehe des Prinzen 
damals in weiteren Kreisen des Volkes Anstoß erregt habe. Selbst der 
Adel fand sich bald darein, und der maßgebenden liberalen Bürgerwelt 
schmeichelte es sogar bis zu einem gewissen Grad, daß der Fürst seine 
Gattin aus dem Volke gewählt hatte. Anders war es mit der Kur- 
fürsfin. Sie hätte jetzt ihrem Sohne den unter besonders schwierigen 
Umständen betretenen Weg der Regierung helfen ebnen können, und sie 
tat das Gegeilteil. 
Wilhelms !I. Gemahlin hatte eine bittere Enttäuschung erfahren. 
Nach dem Triumph über die aus dem Feld geschlagene Nebenbuhlerin 
glaubte sie am Ziele ihrer Wünsche zu sein und endlich als anerkannte 
Siegerin ins Schloß einziehen zu können. Ihre Popularität war in der 
letzten Zeit noch gewachsen, hatte sie doch kein Mittel verschmäht, ihre 
bürgerfreundliche liberale Gesinnung zur Schau zu tragen. Monatelang 
hatte sie sich in der Volksgunst gesonnt, hatte auf den Bürgerfesten und 
Bällen die blauweiße Schleife und Binde der Casselaner getragen und 
war bei der Fahnenweihe der Bürgergarde und an dem Zahresfest des 
15. September vom Volke gefeiert worden wie noch niemals eine ihrer 
Vorgängerinnen. Daß das nun anders werden sollte, konnte sie nicht 
überwinden und warf ihren ganzen Groll auf die Gräfin Schaum 
burg, durch die sie ihre Stellung als einzige anerkannte Landes 
mutter beeinträchtigt glaubte. Die Gräfin gab ihr keinen Anlaß zur Be 
schwerde, hielt sich in bescheidener Zurückhaltung, mischte sich in keine 
Staatsgeschäfte und lebte nur ihrem Berufe als Gattin und Mutter. 
Trotzdem konnte die stolze Hohenzollerin, die anfangs die Liebschaft ihres 
Sohnes nicht ungern gesehen haben soll, sich nicht dazu verstehen, die 
Schwiegertochter anzuerkennen oder auch nur bei sich zu empfangen. Für 
sie stand „die Lehmann", die ihren Sohn alleil Folgeil einer uneben 
bürtigen Heirat seelisch und politisch auslieferte, noch viel tiefer als die 
Reichenbach, deren Existenz ihr wenigstens manchen finanziellen Vorteil 
verschafft hatte. Wie früher, suchte sie wieder ihren Rückhalt in Berlin 
bei ihrem königlichen Bruder, obwohl gerade der preußische Gesandte 
v. Hänlein von allen in Cassel beglaubigten Diplomaten der Gräfin 
Schaumburg zuerst seine Aufwartung gemacht hatte. Auch die Prinzen des 
hessischen Hallses hatten ungeachtet der Tatsache, daß der Kurfürst seinen
	        

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