Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Charakter Friedrich Wilhelms 
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sondern, was später noch viel schwerer für ihn wiegen sollte, die Mög 
lichkeit, seine Kinder als vollberechtigte Erben des hessischen Namens 
und Thrones zu sehen. 
Wie bitter dies dem Prinzen sein mußte, ermißt sich erst, wenn 
man weiß, wie stark entwickelt gerade bei ihm der Stolz auf seinen 
Nainen, auf sein Haus und auf seine fürstliche Würde war. In diesem 
wie in vielen anderen Punkten glich er dem Großvater. Bon ihm hatte 
er das fabelhafte Gedächtnis namentlich für Persönlichkeiten geerbt, zu 
gleich auch das starke Mißtrauen gegen alle Personen, die sich in liebe 
dienerischer Absicht ihm nahten. Eine Günstlingswirtschaft, wie bei seinem 
Vater, war bei Friedrich Wilhelm undenkbar; denn persönliche Unter 
würfigkeit war ihm zuwider. Aber es war auch nicht leicht, mit ihm 
umzugehen, da ihm jede Neigung, durch liebenswürdiges Wesen Popu 
larität zu erhaschen, völlig fremd war. Leidenschaftlich aufbrausend wie 
sein Vater, vermied er es doch im allgemeinen, seine Empfindungen zur 
Schau zu tragen. Schon sein Erzieher Below schrieb von dem damals 
Sechzehnjährigen: „Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Prinzen, 
daß er auch eine sehr natürliche und gerechte Rührung zu verbergen 
bemüht ist unb ungern über die Veranlassung derselben redet", was 
Wilhelm I. zu der Antwort veranlaßte: „Ich kann nicht unbeinerkt 
lassen, daß eine solche Verschlossenheit leicht zu einer Verstellungskunst 
und Unterdrückung edler Gefühle führen könnte". Diese Kunst der Ver 
stellung hat man in der Tat dem späteren Kurfürsten oft vorgeworfen, 
auch da, wo sie nur eine Folge der Schüchternheit war, die den Rede 
ungewandten im Verkehr auch mit den einfachsten Leuten oft befiel. 
In pedantischer Strenge hielt Friedrich Wilhelm auf Einhaltung aller 
Formen, was den Geschäftsverkehr mit ihm erschwerte, zumal er sich 
um alles und jedes kümmern wollte und doch schließlich nicht kümmern 
konnte. Was er einmal für Recht erkannt hatte, davon ließ er sich 
so leicht nicht abbringen, auch hierin ein richtiger echter Hesse, und da 
Friedrich Wilhelm diesen zähen Rechtssinn und Eigensinn mit seinen 
Untertanen teilte, so konnten Reibungen nicht ausbleiben, wie seine Re 
gierung zur Genüge zeigen sollte. 
Am 7. Oktober 1831 erfolgte der Einzug des neuen Regenten in 
Cassel. Wie ihm die Fulder Bürger zu Pferd und Wagen bis Hünfeld 
das Geleite gegeben hatten, so kamen ihm die Casselaner bis vor die 
Söhre entgegen. Am Leipziger Tor begrüßte ihn der Bürgermeister 
Schombürg feierlich im Namen der Residenz mit der Bitte: „ihre 
Liebe mit Liebe zu erwidern" und erhielt die Antwort: „Seien Sie
	        

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