Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Wilhelms II. Rücktritt 1831 
Urheber und Vermittler, trat als Fustizminister in ihr Kollegium ein. 
Seine Ernennung war Wilhelms II. letzte Regierungshandlung. Am 
30. September verkündigte er seinem Volke, daß er „um Uns für die 
Zukunft eine Erleichterung in den Regierungsgeschäften zu verschaffen 
und zugleich Unsern vielgeliebten Sohn mit denselben vertraut zu machen" 
demselben einstweilen als Mitregenten die alleinige Regierung des Landes 
übertragen habe. 
Es sollte also nur ein Provisorium sein, aber der Rücktritt Wil 
helms blieb ein endgültiger, da er niemals nach Cassel zurückkehrte. 
Er verließ auch bald Hessen, lebte bald hier bald da und siedelte später 
nach Frankfurt über, wo er als reicher Privatmann mit seiner Neben- 
familie in stiller Zurückgezogenheit seine Tage verbrachte. Seine ver 
trauten Ratgeber Rivalier und Deines, die Häupter der sog. Reichenbach 
kamarilla, blieben ihm treu und schieden aus dem Staatsdienst aus. 
Wilhelms II. Rücktritt war im Grunde genommen eine Fahnen 
flucht, vor der ein stärker entwickeltes dynastisches Pflichtgefühl, als ihm 
eigen war, ihn hätte bewahren müssen. Für sein Land wäre damit 
aber kaum etwas gewonnen gewesen. Nur zehn Fahre hatte seine Re 
gierung gedauert, aber diese zehn Fahre einer kritischen Übergangszeit 
hatten genügt, um einen klaffenden Riß in die hessische Geschichte zu 
bringen, der nicht wieder geheilt werden konnte. Wilhelm II. war nicht 
der tyrannische Sultan, zu dem manche Federn ihn haben stempeln 
wollen, dafür war er viel zu schwach und zu gutmütig, und viele seiner 
Fehler wrirden durch seine Herzensgüte ausgewogen. Aber in den Ketten 
seiner unglücklichen Ehe und in den selbstgeschlungenen Banden seiner 
Leidenschaft für die Frau, die ihn für das Unglück seiner Ehe ent- 
schädigen sollte, zerrieb sich sein allzuweicher Charakter und machte ihn 
für sein hohes Amt unfähig. Für die Macht und segensreiche Kraft 
der geschichtlichen Tradition mangelte ihm der Sinn in einer Zeit, die 
dessen besonders bedurfte, und so geschah es, daß unter seinem traditions 
losen, schwankenden Regiment nicht nur das alte Hessen ganz aus seinen 
Fugen ging, sondern daß auch die alte Fürstentreue, auch gerade der 
konservativsten Stände, des Adels und der Bauern, ins Wanken geriet. 
Es war kein glückliches Erbe, das er seinem Sohne und Nachfolger 
„zur Einweihung in die schwierigen und sorgenvollen Regierungsgeschäfte" 
— wie es in der kurfürstlichen Bekanntmachung lautete — hinterließ.
	        

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