Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

162 
Verfassungsfeiern 1831 
Augenzeuge die „Hanauer Revolution" miterlebte und ihren Verlauf in 
einem besonderen Schriftchen im Stile obiger Probe geschildert hat. 
Seine Mitbürger aber sangen einen Rundgesang: 
Auf trinkt lind singt dem Kurfürst Ruhm, 
Der Staatsverfassung Heil! 
Sie, nun ein heil'ges Eigentuin, 
Ward uns durch ihn zuteil. 
Es werde weit und breit bekannt, 
Auch dort fern üben» Rhein, 
Wie stolz auch wir auf Vaterland 
Und Charte können fein! 
Die Worte Konstitution und Verfassung, deren Sinn und Inhalt 
die meisten gar nicht einmal verstanden, übten eben einen unwidersteh 
lichen Zauber auf alle Zeitgenossen aus. Man ahnte noch nicht, welches 
Unheil das unglückselige übereilte Werk dem Lande bringen, welche 
zermürbenden und zerreibenden Kämpfe es im Gefolge haben, ja daß 
es schließlich mit ein Nagel zum Sarge der hessischen Landesselbständig 
keit werden sollte. Nur im Fulder Lande fand die Verfassung eine 
verhältnismäßig kühle Aufnahme, da die Katholiken ihre kirchlichen 
Rechte darin nicht genügend gewahrt glaubten. Die Geistlichkeit hielt 
sich von den Konstitutionsfesten fern, leistete den Eid nur mit Ver 
wahrung, und ein einziger Mann in ganz Kurhessen, der Advokat 
Wilhelm zu Neuhof, hatte sogar den Mut, den Verfassungseid rundweg 
zu verweigern. 
Zn Cassel gingen natürlich die Wogen der Begeisterung und des 
Jubels am höchsten. Am Abend des 9. Januar 1831, der mit einer 
kirchlichen Feier des Verfassungswerkes in Gegenwart der gesamten 
kurfürstlichen Familie begonnen hatte, 'wogte ein glänzender Fackelzug 
der Casseler Bürgerschaft zum Bellevueschloß, aus dessen Balkon der 
Kurfürst mit seiner Gemahlin erschien. Nach einer Ansprache Schom- 
burgs wurde ein symbolischer „Altar der Liebe" entzündet, dessen mäch 
tige Flannne vor dein Schlosse aufloderte und dem Volke eine unge 
wohnte Szene zeigte. Angesichts der stürmischen Huldigung des Volkes 
schloß der leicht gerührte Kurfürst seine Gemahlin in die Arme und 
erweckte dadurch einen neuen Begeisterungssturm und wahren Freuden 
taumel. Nur mit Mühe konnte der kurfürstliche Wagen sich nachher 
durch die vivatruscnde Menge den Rückweg nach dem Palais am 
Friedrichsplatz bahnen. Wilhelm II. kam sich wie ein Triumphator 
vor und mochte wohl annehmen, daß seine Popularität nun fest ge-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.