Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Landtagseröffmmg 1830 Reichenbachkrawall 
Eggena, feierlich eröffnet wurde. Noch am selben Tage konnten die 
Stände ihren Mitbürgern in einer Bekanntmachung mitteilen, daß der 
Kurfürst den hochherzigen Entschluß ausgesprochen habe, die gesamten 
Schulden Kurhessens aus seiner Tasche zu bezahlen, daß somit die 
Landesschuldensteuer vom 1. Januar 1831 an aufhören werde. Die Feier 
der Landtagseröffnung, die am nächsten Tage, einem Sonntag, 
auch ihre kirchliche Weihe erhielt, wurde durch einen Konflikt zwischen 
Militär und Bürgerwehr — den ersten einer langen folgenden Reihe — 
unliebsam gestört. Die Bürgerwehr hatte gegen den Wunsch des Kur 
fürsten den Anspruch erhoben, die Wache vor den, Bellevueschloß zu 
stellen, und war trotz des Einspruchs des Stadtkommandanten v. Loß- 
berg nicht zu bewegen gewesen, ihren Platz zu räumen. Löß der g 
wurde von der Menge umringt und von den Gassenjungen ausgepfiffen, 
ein Vorfall, der sich am folgenden Tage nach der Kirchenparade in 
verstärktem Maße wiederholte, so daß der Oberst nur durch energisches 
Einschreiten des Militärs vor weiteren Belästigungen der Tumultuanten 
geschützt werden konnte. Ähnliche kleinere Demonstrationen kamen noch 
öfter vor, ohne daß diese Vorfälle jedoch einen ernsten Charakter an 
nahmen. Eine neue Erregung bemächtigte sich der Casselaner, als am 
15. November der Kurfürst eine Reise antrat, angeblich um das von 
ihm besonders gepflegte Gestüt zu Beberbeck zu besichtigen. In Wirk 
lichkeit ging aber die Reise nach Arolsen, wo die Gräfin Reichenbach 
weilte. Wilhelni II. konnte von seiner Freundin nicht lassen und die 
nun schon Wochen dauernde Trennung von ihr nicht länger ertragen. 
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Stadt, und wieder 
regnete es Drohbriefe und Drohzettel, in denen der ganze Haß der 
Casselaner niedergelegt war gegen die „Viper und Otter, die am Marke 
des Landes saugte". Furchtbare Verwünschungen wurden gegen sie laut. 
Cassels verschworene Bürger drohten gräßliche Rache. Vermummte 
Dolchträger wollten nach Arolsen eilen und die Natterbrut „im Aus 
lande" erwürgen, „ihr Blut besudele nicht auch noch den vaterländischen 
Boden!" Die schauderösen Drohungen der vermummten Verschworenen 
machten aber nicht mehr den Eindruck wie die ehemaligen Drohbriefe, 
und der Polizeidirektor Pfeiffer war ein anderer Mann wie sein 
unglücklicher Vorgänger. Immerhin genügten seine Warnungen an 
gesichts der erbitterten Stimmung gegen die Gräfin, die damals eine 
ganze Literatur von handschriftlich umlaufenden Haß- und Spottliedern 
hervorrief, um den Kurfürsten zur Rückkehr ohne die Gräfin zu 
veranlassen.
	        

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