Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Militärisches Aufgebot Bürgerbewoffmmg 
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Landtag auch die neuen Landesteile durch eigene Abgeordnete vertreten 
fein sollten. 
Die verhältnismäßig unbedeutenden hessischen Krawalle wurden in 
der Nachbarschaft sehr aufgebauscht und übertrieben, obwohl sie iveniger 
schlimm waren als in andern Ländern. Der Frankfurter Pfarrturm- 
wächter hatte in seiner Phantasie schon ganz Hanau in Flammen auf 
gehen sehen, und am Bundestag wurde behauptet, daß durch die kur- 
hessische „Revolution" alle gesetzliche Ordnung in dem Nachbarlande 
gestört sei und nur durch Entsendung von Bundestruppen wiederhergestellt 
werden könne. Als dazu wirklich schon Anstalten gemacht wurden, 
verbat sich Kurfürst Wilhelm II. diese auswärtige Hilfe ganz ent 
schieden, da die durchaus zuverlässigen eigenen Truppen zur Aufrecht 
erhaltung der Ordnung im Lande vollkommen ausreichten. Er war wohl 
derselben Ansicht wie sein Flügeladjutant Mü ldner, der wegen der bei 
Wetzlar stehenden 6000 Preußen über seine Meinung gefragt, geant 
wortet hatte: „Fa, Königliche Hoheit, wir können die Herren Preußen 
sehr leicht in das Land bekommen, wie wir sie aber wieder heraus 
bekommen werden, das weiß ich nicht". Deshalb weigerte sich nach 
her auch Kurhessen, die Kosten für die ganz unnötigen Truppen 
anhäufungen an seinen Grenzen zu zahlen, die nicht in seinem Interesse 
geschehen seien. Das Angebot hatte indessen zur Folge, daß der Kurfürst 
selbst die beurlaubten hessischen Soldaten einberief und in einem ansehn 
lichen Truppenkorps in der Umgegend von Cassel versammelte, während 
eine fliegende Kolonne in das Hanauische abging. Dieses Truppen 
aufgebot reizte aber nur die aufgeregte Bevölkerung, zumal man in der 
von dem Kurfürsten nach anfänglichem Sträuben genehmigten Bürger 
bewaffnung einen genügenden Schutz gegen alle Ausschreitungen erblickte. 
Man war ungeheuer stolz auf die neue Bürgergarde, deren Er 
richtung, Ausstattung und Ausbildung für die nächste Feit das Haupt 
interesse des Durchschnittsbürgers in Anspruch nahm. Die Bürgergarde 
(offiziell war dieser Name für die „Bürgerbataillone" noch verpönt) war 
der erklärte Liebling des Publikums, das von nun an anfing, die 
„Sodateska" mit scheelen Augen anzusehen. Es konnte nicht ausbleiben, 
daß sich zwischen diesen beiden Rivalen eine Spannung bildete, die zeit 
weise einen hohen Grad erreichte. 
Inzwischen waren die 30 Abgeordneten der Stände gewählt worden. 
Sic traten am 16. Oktober im Bellevueschloß zu Cassel zusammen, 
wo der Landtag durch die kurfürstlichen Konimissare, den Präsidenten 
v. Porbeck und den bisherigen Generalsekretär des Ministeriums
	        

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