Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Berufung der Stände 1830 Hanauer Mautsturm 
Barbiers von Sevilla *) im Theater erschien und das ganze Opern 
personal mit dein Publikum zusammen die von dem alten Niemeyer 
eigens gedichtete Hymne „Heil Kurfürst Wilhelm Dir" anstimmte. 
Große Volkshaufen begleiteten unter unaufhörlichen Zubelrufen die 
beiden Fürsten bis weit in die Wilhelmshöher Allee, und die ganze 
Stadt war an diesem Abend glänzend illuminiert. Der Verfasser der 
erfolgreichen Bittschrift schrieb nachher: „Nie ist ein Monarch von 
seinen Untertanen so herzlich und einstimmig verehrt worden als Kur 
fürst Wilhelm II. am 15. September von den Bewohnern seiner 
Residenz." Den denkwürdigen Augenblick dieses Tages mußte der 
Griffel Louis Grimms für alle Zeiten verewigen, und es gab wenige 
Häuser in Cassel, in denen später das Bild der Magistratsdeputation 
vor Wilhelm II. fehlte. 
Am 19. September erschien ein landesherrlicher Erlaß, durch den 
die Stände zu einem engeren Landtag in der Zusammensetzung von 
1815/16 auf den 16. Oktober nach Cassel berufen wurden. Damit war 
der erste Wunsch des Volkes erfüllt, aber die Aufregung dauerte fort. 
Zm Hanauischeu war man in Sorge, bei der Einberufung des nach 
der bisherigen Verfassung nur für Althessen geltenden Landtags über 
gangen zu werden. Dazu kam die dort besonders starke Mißstimmung 
über die Zollschranken, da das Hanauer Land in seiner schmalen Ge 
staltung zwischen den Nachbarstaaten die Nachteile der Absperrung und 
des gesamten Mautsystems doppelt empfinden mußte und noch dazu 
kurz vorher durch eine starke Überschwemmung des Maingebietes heim 
gesucht war. Als am 24. September eine aus Cassel zurückkehrende 
Deputation eine unbestimmte Antwort hinsichtlich der Abschaffung der 
Maut brachte, da stürmte die gereizte Volksmenge das Lizentamt (im 
Volksmund das „Letzte Hemd-Amt" genannt) und das Mainzollamt 
und steckte ihre Einrichtung, Akten und Papiere in Brand. Am nächsten 
Tage fiel auch das Mautamt auf der Mainkur den „Kraivallern" zum 
Opfer. Der Kurfürst sandte sofort seinen Sohn nach Hanau, der am 
27. September dort eintraf. Durch sein Auftreten als „geborener Hanauer" 
und durch eine beruhigende Proklamation, welche die Aufhebung der 
Maut versprach, gelang es ihm, die erhitzten Geniüter zu beschwichtigen, 
zumal zu gleicher Zeit bekannt wurde, daß in dem kommenden 
*) Ursprünglich war „Die Ahnfrau" auf den Spielplan gesetzt, wegen des 
traurigen Sujets aber fallen gelassen, ebenso das „Fest der Handwerker", weil eine 
Frau einem Manne darin eine Ohrfeige gibt. So ward schließlich die Rossinische 
Oper gegeben, die ebensowenig als Festvorstellung paßte.
	        

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