Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Erkrankung Wilhelms II. 1830 Iulirevolution 
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So kam das Jahr 1830 heran, das einen neuen Umschwung 
in der hessischen wie in der ganzen europäischen Geschichte einleiten 
sollte. 
Der jahrelang dauernde Kriegszustand zwischen Wilhelm II. und 
seiner Gemahlin war, wie oben erwähnt, 1829 durch einen Vergleich 
beendigt worden, infolgedessen die Kurfürstin Auguste nach Hessen 
zurückkehrte. In dem Casseler Vertrag vom 11. Dezember d. I. überließ 
der Kurfürst seiner Gemahlin und seinem Sohne die Schlösser Fulda und 
Fasanerie und überwies ihnen zur Führung ihrer Hofhaltungen 91000 
bzw. 44000 fl., deren Verwendung im einzelnen nicht kontrolliert werden 
sollte. Die Kurfürstin erhielt ferner das Recht, ihre Hofkavaliere nach 
freiem Ermessen selbst zu wählen; nur ihre Bestätigung behielt sich der 
Kurfürst vor. Der Kurprinz, durch seine Bonner Erlebnisse nun 
mehr auch der Mutter entfremdet, zögerte, den Vertrag anzunehmen 
und zog es vor, in Mainz und Frankfurt seinem jungen Liebes- und 
Familienglück zu leben. Anfangs April 1830 machte Wilhelm II. 
seiner Gemahlin einen mehrere Tage dauernden Besuch in Fulda, und 
damit war der Friede zwischen den Gatten endgültig wenigstens äußer 
lich wiederhergestellt. Aber der Einfluß der Gräfin Reichenbach 
war nicht gebrochen. Die Herzogin von Parma hatte ihr vor längerer 
Zeit den Fürstentitel in Aussicht gestellt, es war aber zum großen Leid 
wesen der ehrgeizigen Berlinerin nichts aus der Sache geworden. Ihrem 
Drängen nachgebend, reiste der Kurfürst am 18. Juli nach Wien, um 
mit Hilfe Metternichs die Angelegenheit in Fluß zu bringen. Der Zweck 
der Reise wurde aber nicht erreicht, da Metternich kurz vorher Wien 
verlassen hatte, wie es scheint, um einem Zusammentreffen mit dem 
Kurfürsten auszuweichen. Wilhelm II. begab sich nun Ende Juli nach 
Karlsbad, wo die Gräfin Reichenbach schon vorher zur Kur eingetroffen 
war. Wenige Tage nach seiner Ankunft erkrankte der Kurfürst plötz 
lich und ward in Zeit von drei Tagen dreimal von einem heftigen 
Schlaganfall betroffen, von dessen Folgen er sich nur langsam mit Hilfe 
der herbeigerufenen ärztlichen Autoritäten erholte. Die Nachricht von 
der Erkrankung des Kurfürsten erregte ungeheures Aufsehen in Hessen, 
zumal gleichzeitig die Kunde von dem Ausbruch der Pariser Juli 
revolution sich verbreitete und alle Gemüter in Aufregung setzte. In 
Cassel wurde der Kurfürst tot gesagt, man sprach von einem Giftattentat, 
erinnerte sich der Bechstädtschen Affäre (S. 129), und als nun gar be 
kannt wurde, daß He per v. Rosenfeld am 12. August in Cassel ein 
getroffen sei und die Kinder der Reichenbach nebst den kostbarsten Effekten
	        

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